Das gestreifte Kleid
Henri Matisse
1938
Obwohl Matisse zur führenden Symbolfigur des Dekorativen in der Kunst des 20. Jahrhunderts geworden ist, steht am Beginn die bewusste Ästhetik des Hässlichen: Diese antiklassische Haltung, die sich gegen die Naturnachbildung der Impressionisten wendet, erregt Aufsehen beim Pariser Herbstsalon 1905, wo Matisse gemeinsam mit Derain, Vlaminck und anderen als „Fauve“ – als „wilde Bestie“ – verspottet wird. Ab 1907 verliert Matisse das Interesse am Fauvismus. Er konzentriert sich zunehmend auf Farbe und Fläche und schafft „eine Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit und der Ruhe“. Das gilt auch exemplarisch für das 1938 entstandene Bild, in dem er das dekorative Spiel von Formen und Farben nahezu bis zur Abstraktion führt.
Although Matisse came to be the epitome of the decorative element in twentieth-century art, a deliberately chosen aestheticism of ugliness marked his beginnings: his anti-classical approach, which was opposed to Impressionism’s mimicry of nature, caused a sensation at the 1905 Salon d’Automne, where Matisse, together with Derain, Vlaminck, and others, was mocked as a “Fauve”, a “wild beast”. In 1907, Matisse began losing interest in Fauvism. He increasingly concentrated on colours and planes and created “an art of balance, purity, and tranquillity”. This also holds true for this painting, done in 1938, in which the decorative play of forms and colours is led towards the brink of abstraction.
Rahmenaußenmaß 67 × 59,5 × 9 cm
Wie viele andere französische Künstler entwickelte Matisse zwischen den beiden Kriegen einen starken Drang zur monumentalen Wandmalerei. Um diese großflächigen Dekorationen technisch bewältigen zu können, entwickelte er einen plakativ vereinfachten Stil mit starken Farbkontrasten, in den er kontrapunktisch einzelne zeichnerische Elemente setzte.
Neben aufwändigen Auftragsarbeiten wie 1930 dem großen Wandbild Der Tanz für den berühmten amerikanischen Sammler Albert C. Barnes in Meryon bei Philadelphia widmete sich Matisse aber weiterhin dem traditionellen Staffeleibild. So entstand um 1935 eine größere Serie von Figurenbildern, in denen merkwürdigerweise nicht der Mensch selbst im Vordergrund steht, sondern seine Kleidung.1 Dies gilt auch für das vorliegende Werk, auf dem, wie bereits der Titel zum Ausdruck bringt, das bunt gestreifte Kleid das Hauptmotiv bildet. Auf einem Stuhl, von dem nur die gelbe Rückenlehne zu erkennen ist, sitzt leicht abgedreht, eine junge Frau, deren Körper in einem weit ausladenden und breit gestreiften Hosenanzug steckt. Im Hintergrund links steht ein zweiter Stuhl mit roten Beinen und meergrünem Polster, während rechts hinten vor dem kastanienbraunen Grund eine giftgrüne Zierpflanze auszumachen ist. Wichtig an diesem Bild ist nicht so sehr die Motivwelt, sondern das bewegte Spiel, das Formen und Farben auf der Fläche bewirken. Rein zeichnerische Elemente gibt es hier nur wenige, und wo sie vorkommen, sind sie - wie die hellen Linien, die der Künstler mit dem Pinselholz in die noch nasse Farbe ritzte - so diskret eingesetzt, dass sie kaum ins Auge fallen.
1 Das wichtigste Werk in dieser Bildergruppe ist La grande robe bleue et mimosas von 1937 im Philadelphia Museum of Art.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 98, Nr. 137.
