Der Jongleur
Alexander Rodtschenko
1935
Rahmenaußenmaß: 128 × 107,2 cm
Wie ein Enkel des Künstlers ausführt, handelt es sich bei diesem bislang unpublizierten Werk um eines jener Bilder, die Rodtschenko nach einer langen Schaffenspause Mitte der dreißiger Jahre voll neuer Energie in Angriff nahm.[1] Dargestellt sind darauf ausnahmslos Motive aus der Welt des Zirkus, der in Russland schon immer eine wichtige Rolle spielte.[2] Die Zahl 12 auf der Rückseite des vorliegenden Bildes beweise, dass es sich um die zwölfte Arbeit innerhalb dieser Bilderserie handelt. Der daneben stehende Buchstabe P - ein kyrillisches R - steht dagegen für Rodtschenko, während mit der Zahl 35 das Entstehungsjahr 1935 gemeint ist. Drei Jahre später schuf der Künstler noch eine zweite Version dieses Bildmotivs, die aber viel kleiner ist und die Form eines Ovals aufweist.[3]
Wer das Schaffen von Alexander Rodtschenko auch nur einigermassen kennt, mag erstaunt sein, wie realistisch dieser Jongleur wiedergegeben ist. Nicht weniger verblüfft wohl die zurückhaltende Behandlung der Farbe, die ganz auf zarte Pastelltöne beschränkt ist. Nachdem Rodtschenko einst zu den radikalsten Avantgarde-Künstlern Russlands gezählt hat, fällt es schwer zu begreifen, wie es zu diesem abrupten Stilwandel kommen konnte.
Wie so viele junge russische Künstler hatte sich Rodtschenko um 1915 vom Elan der Revolution mitreißen lassen und eine malerische Formensprache entwickelt, die nicht weniger revolutionär war als Lenins kühne politische Vision. „Non-Objektivismus“ nannte er diese neue Spielart der russischen Revolutionskunst, womit er zum Ausdruck bringen wollte, dass er sich nun ganz von der Darstellungsfunktion der Kunst lösen und seine Inspirationen nur noch aus dem subjektiven Empfinden beziehen wollte. Den neuen Machthabern im Kreml missfiel dies aber schon bald. Ende der zehner Jahre begann man Rodtschenko – wie so viele andere junge Avantgardekünstler – unter so massiven politischen Druck zu setzen, dass er schließlich 1920 die Malerei völlig aufgab und sich unverfänglicheren gestalterischen Disziplinen wie der Architektur, dem Design und der Photographie zuwandte.
Erst zehn Jahre später wagte er es wieder, zum Pinsel zu greifen. Zum Erstaunen vieler malte er nun aber nicht mehr konstruktivistisch, sondern brav gegenständlich, wobei er seine Motive vorwiegend der heiteren Scheinwelt des Zirkus entnahm. Wer genauer hinschaut, merkt allerdings bald, dass sich hinter der scheinbar harmlosen Fassade eine zünftige Prise Ironie, wenn nicht gar bitterer Sarkasmus versteckt. Darauf deutet nicht nur die Tatsache, dass es sich bei den dargestellten Figuren immer um sogenannte weiße Clowns handelt, die ihr wahres Gesicht hinter einer dicken Schicht weißer Schminke verstecken; es spricht dafür auch die Vermutung, dass es sich bei diesen tragisch-komischen Figuren um versteckte Selbstbildnisse handeln könnte.[4]
[2] Zu Rodtschenkos Zirkusmotiven vgl. Selim O. Khan-Magomedov, Rodchenko, The Complete Work, London 1986, S. 276 ff.
[4] Wie Anm. 1, S. 278.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 40, Kat. 92.
