Hermann Nitsch, Regine, Inv. Nr.: GE156DL
Regine
Hermann Nitsch, Regine, Inv. Nr.: GE156DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Bildrecht, Wien 2025

Regine

Hermann Nitsch

2002




Künstler:in (Wien 1938 - 2022 Mistelbach)
Date2002
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesAcryl auf Jute
Dimensions186 x 301 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE156DL
InscribedBezeichnet auf dem Keilrahmen: REGINE / REB
SignedBez. verso "h. nitsch 03", verso "REGINE / REB" (Keilrahmen)
Text

Betrachtet man dieses großformatige Bild, ist man erst einmal erstaunt, dass die dominierende Farbe Gelb ist und nicht, wie üblich bei diesem Künstler, Rot  –  genauer: Blutrot. Die Farbe auf Hermann Nitschs Bildern bestand ja ursprünglich aus echtem Tierblut. Doch da sich dieses schnell in ein unansehnliches Braun verfärbte, ging der Künstler nach einiger Zeit dazu über, an seiner Stelle gewöhnliche Malerfarben zu verwenden – erst Dispersion, dann Ölfarbe. Diese Farben trug er aber so flüssig auf, dass sie, dünne Spuren hinterlassend, langsam nach unten rannen. Zu ihrer Verteilung auf der Bildfläche benützte er, wie auch auf dem vorliegenden Bild zu sehen ist, entweder einen breiten Pinsel oder die bloßen Hände. Klar ersichtlich ist zudem, dass die Farbe nicht direkt auf der Leinwand aufliegt, sondern auf einer dünnen schwarzen Untermalung, die dem Gelb Tiefe und Körperlichkeit verleiht.

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Art Malerei nur mit einem beträchtlichen Körpereinsatz zu bewältigen ist. Für Nitsch stellte dies kein Problem dar, denn er ist ja eigentlich nicht Maler, sondern Aktionist – oder, wie man heute zu sagen pflegt, Performer. Anfang der sechziger Jahre begann er, in Wien öffentliche Malaktionen durchzuführen, denen ein stark ritueller Charakter eigen war und aus denen schließlich das sogenannte Orgien-Mysterien-Theater hervorging. Seit 1971 führt Nitsch mit Hilfe zahlreicher Helfer auf seinem Wohnsitz Schloss Prinzendorf in Niederösterreich pseudo-sakrale Aktionen durch, die immer in der Schauschlachtung von Tieren gipfeln. In bewusstem Bezug auf die Passion Christi machen sich nackte oder weiß gekleidete Menschen über die toten Tiere her, bedecken sich mit deren Eingeweiden und beschmieren sich mit deren Blut oder tun mit ihnen noch Schlimmeres. Ursprünglich ließ Nitsch während der Aktion auch stets einige Kunstwerke herstellen, die, heiligen Reliquien gleich, an den ungewöhnlichen Anlass erinnern sollten. Riesige Leinwände wurden dafür mit frischem Blut übergossen, und oft wurde darauf auch noch ein blutverschmiertes Kleidungsstück montiert, das Nitsch oder einer der Akteure getragen hatte. "Schüttbilder" nannte Nitsch diese Werke, die, als er sie erstmals öffentlich ausstellte, bei vielen Betrachtern nur Ekel und Abscheu erregten und die von anderen gar für reine Blasphemie gehalten wurden.

Unterdessen haben sich die Gemüter wieder beruhigt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Nitsch im Laufe der Jahre vom hitzigen Provokateur zu einer viel geehrten und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gewandelt hat. Wie dies auch auf seinen fast gleichaltrigen Freund Arnulf Rainer zutrifft, gibt es heute bereits zwei Museen, die sich ausschliesslich ihm und seinem Schaffen widmen, eines in Mistelbach in Niederösterreich, das andere in Neapel.[1]

Diesen Charakterwandel belegen auch neue Bilder wie das hier vorliegende, das den harmlosen Titel Regine trägt. Es handelt sich zwar immer noch um ein "Schüttbild", es erinnert aber kaum mehr etwas an die blutigen Anfänge dieser Kunstgattung.

[1] Hermann Nitsch Museum, Museumszentrum Mistelbach, eröffnet 2007, und Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch, Neapel, eröffnet 2008.


R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 112, Kat. 67.

Catalogue raisonné
  • Digitales Werkverzeichnis Hermann Nitsch 123, Werkverzeichnis Hermann Nitsch 1021
  • Koella 2012, 67
  • Bibliography
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 112 f., Kat. 67, Abb.
  • AK: Nach 1970. Österreichische Kunst aus der Albertina, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Wolkersdorf: Holzhausen Druck 2008, Abb.111 S.173/178-179
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    Last edited19.01.2023