Egon Schiele, Knabenbildnis Erich Lederer, Inv. Nr.: 31120
Knabenbildnis Erich Lederer
Egon Schiele, Knabenbildnis Erich Lederer, Inv. Nr.: 31120
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Knabenbildnis Erich Lederer

Egon Schiele

1913




Schiele verbringt Weihnachten 1912 im ungarischen Györ bei der Familie Lederer. Erich Lederer, der 15-jährige Sohn der Familie, lässt sich von Schiele porträtieren. Der Künstler untersucht in vielen Skizzen und Studien mehrere Stellungen des Modells für das Gemälde. Die Hände sind hier in einer natürlichen Haltung verschränkt, die Beine deuten den selbstbewussten Stand im Kontrapost an. Im Gesicht mit den leicht unterschiedlich weit geöffneten Augen sowie der bewussten, von der natürlichen Ansicht her nicht verständlichen Asymmetrie der Ohren, den vollen Lippen und dem leuchtend roten Kragen, der das helle Inkarnat rahmt, ist Schiele eine wunderbare Charakterisierung des sensiblen Knaben gelungen. Erich Lederer war einer der bedeutendsten Schiele-Sammler der Zwischenkriegszeit und wurde zu einem wichtigen Freund und Unterstützer der Albertina.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1913
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckfarben, auf Japanpapier, grundiert
Dimensions47,9 × 32 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31120
Signedr.u. "EGON / SCHIELE / 1913"
Text

#Erich Lederer, der Sohn des Großindustriellen #August Lederer und dessen Frau #Serena, die zu den wichtigsten Förderern #Klimts zählten, ist 1896 in Wien geboren. Er ist der älteste Sohn der jüdischen Familie, die zu den reichsten in Wien zählt. Egon Schiele wird im Alter von 22 Jahren von seinem Freund #Gustav Klimt in die Familie eingeführt.

Als #Erich Lederer von seiner Großmutter eine Summe von fast tausend Kronen erhält, entschließt er sich spontan dazu, sich von Egon Schiele porträtieren zu lassen. Er lädt Schiele nach Györ ein, auf die ungarischen Besitzungen der Familie #Lederer, wo diese den Jahreswechsel 1912/13 verbringt. Dort  entstehen mehrere Studien und Porträtzeichnungen des jungen #Erich Lederer, der bald zu einem engen Vertrauten des Künstlers wird.  #Erich Lederer erhält Zeichenunterricht von Egon Schiele, wirbt für die Zeichnungen des Künstlers und beginnt, Werke von Schiele zu sammeln.

#Erich Lederer interessiert sich nicht für das Geschäftsleben seines Vaters, er führt ein Leben als Bonvivant und ignoriert vergeblich die politische Entwicklung. Nach der Besetzung Österreichs durch Hitler-Deutschland flieht er vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Er muss  fast den gesamten Familienbesitz zurücklassen. Nach dem Krieg bemüht sich #Erich Lederer um die Rückgabe des elterlichen Vermögens. 1973 verkauft er den berühmten Beethoven-Fries von Klimt an den Österreichischen Staat. #Erich Lederer stirbt 1985 in Genf.

 

Als Vorbereitung des lebensgroßen Porträts von #Erich Lederer hat Schiele während seines Weihnachtsaufenthaltes in Raab (Györ) etwa 20 Zeichnungen und Aquarellstudien vom Sohn seines neuen Gönners, des Industriellen #August Lederer angefertigt. Das mit dem Beginn der Arbeit 1912 datierte Gemälde (Kunstmuseum Basel, http://sammlungonline.kunstmuseumbasel.ch/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=1300&viewType=detailView§ ) wurde erst 1913 fertiggestellt. Schiele untersuchte in vielen Skizzen und Studien mehrere Stellungen des Modells für das Gemälde, wobei das stehende Kniestück mit lässig in die Hüfte gestemmter Hand einen Kompromiss zwischen Natürlichkeit und Repräsentationsbedürfnis darstellt. Von der unmittelbar dem Gemälde vorhergehenden quadrierten Skizze abgesehen, kommt die Zeichnung der Albertina dem ausgeführten Werk am nächsten. Auch in dieser Zeichnung ist der Ausgleich zwischen scheinbar natürlicher Haltung der verschränkten Hände und dem Kontrapost der Beinstellung, die der repräsentativen Selbst-Präsentationslogik folgt, nicht wirklich gelungen. Im Gesicht mit den leicht verschieden geöffneten Augen sowie der bewußten, von der natürlichen Ansicht her nicht verständlichen Asymmetrie der Ohren, den vollen Lippen und dem das helle Inkarnat rahmenden leuchtend-roten Kragen ist Schiele eine wunderbare Charakterisierung des lebendigen, sensiblen 15-jährigen Knaben gelungen. #Erich Lederer sollte in der Zwischenkriegszeit nicht nur einer der bedeutendsten Schiele-Sammler werden, sondern auch einer der größten Freunde und Unterstützer der Albertina.

 

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 228.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1221
  • Bibliography
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 80
  • Comini 1974, Tafel 103
  • AK München 1975, Nr. 184, Abb.
  • Koschatzky 1977, S. 311
  • AK Innsbruck / Graz 1979, Nr. 12, Abb.
  • Nebehay 1979, Abb. 211
  • Whitford 1981, Abb. 95
  • Malafarina 1982, Nr. 242a
  • Nebehay 1987, Frontispiz
  • AK Albertina 1990, Nr. 100, Abb.
  • Artinger 1999, S. 62
  • AK Mailand 2000, S. 93, Abb.
  • Natter 2003, S. 159
  • AK Amsterdam 2005, S. 101, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 120
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 17
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 122-123 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • Ankauf beim Künstler durch Hubert Jung (1883-1971)
  • 1951 von Hubert Jung erworben (siehe Beschluss des Kunstrückgabebeirates)
  • Online resources
    zum verwandten Werk

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    Last edited06.05.2026