Rosemary reclining by Liz
Tom Wesselmann
1989-1991
Anfang der 1980er-Jahre entstehen die ersten Arbeiten Tom Wesselmanns auf Metall. Die Vorzeichnung wird überdimensional auf Stahl- oder Aluminiumplatten übertragen, mit Laser ausgeschnitten und schließlich bemalt. Die Faszination für diese Technik prägt das Schaffen des Künstlers bis zu seinem Lebensende. Trotz modernster Herstellungsweise bleibt Wesselmann seinen Leitmotiven, dem Stillleben wie den Akten und Landschaften, auch in dieser Technik treu: In bewusster Abkehr vom Abstrakten Expressionismus, der bestimmenden Kunstform jener Zeit, orientiert sich Wesselmann an der Kunstgeschichte und ihren traditionellen Kategorien und nimmt direkten Bezug auf Vorbilder wie Henri Matisse oder Zeitgenossen wie Andy Warhol, dessen Arbeit Liz Taylor er im Hintergrund zitiert.
Tom Wesselmann’s first works on metal date from the early 1980s. An enlargement of the preparatory drawing was transferred onto a steel or aluminium plate, cut out with a laser device, and then painted. The fascination with this technique informed the artist’s work until the end of his life. In spite of this most modern form of production, Wesselmann also remained true to his leitmotifs—still lifes, nudes, and landscapes—in this technique: deliberately leaving Abstract Expressionism as the dominating art of his time behind, he took his bearings from the history of art and its traditional categories, directly relating to his models such as Henri Matisse or contemporaries such as Andy Warhol, whose work Liz Taylor is cited in the background.
Rahmenaußenmaß (DLR-DL397): 118,5 × 201,4 × 6 cm
Als Tom Wesselmann 1983, im Alter von 52 Jahren, sein erstes Metallrelief schuf, sei dies für ihn wie das Drehen eines Schalters gewesen, erinnert er sich rückblickend; seither sei er ein völlig anderer Künstler.[1] Tatsächlich bringt Wesselmann mit seinen „Metal Works“ die fruchtbarste Schaffensphase seiner Laufbahn in Gang, die ihn zu einem der erfolgreichsten Künstler der amerikanischen Pop Art macht.
Diesen Metallreliefs liegen Zeichnungen zugrunde, die Wesselmann sehr schnell auf das Papier wirft. Die brauchbaren unter ihnen werden dann in vergrößerter Form von Hand oder elektronisch auf eine dünne Aluminium- oder Stahlplatte übertragen, mithilfe eines Lasers millimetergenau ausgeschnitten und schließlich mit Ölfarbe bemalt oder bunt emailliert. Dargestellt sind meist weibliche Akte, seltener auch Stillleben oder Landschaften. Die Motive sind jedoch meist auf die Umrisse beschränkt; gelegentlich fügt der Künstler einen ebenfalls nur aus Linien bestehenden Schatten hinzu, oder er setzt in eine leere Form einen witzigen Akzent. Im vorliegenden Fall ist dies der knallrote Mund in der oberen Bildhälfte, der andeutet, dass die liegende Nackedei ein erotisches Wunschbild ist.
Die Kombination von schnell skizzierender Handschrift im Entwurf und höchster technischer Präzision in der Ausführung verleiht Wesselmanns Werken eine merkwürdige Ambiguität, ähnlich wie dies auch bei anderen Produkten der Pop Art zu beobachten ist, etwa bei den mit Hilfe der Seriegraphie-Technik hergestellten Bildern von Andy Warhol. Und das Resultat ist hier wie dort das gleiche: Ein spontan erfasstes Stück Wirklichkeit mutiert zum industriellen Artefakt, und da alles Persönliche aus diesen Werken ausradiert ist, spielt es letztlich auch keine Rolle mehr, ob es diese Werke nur einmal, also als Unikat, gibt, oder ob es sich um Auflageobjekte handelt.
Interessanterweise verbergen sich hinter diesen scheinbar ganz spontan aus dem Schauerlebnis heraus geschaffenen Schilderungen der modernen Alltagswelt oft kunstgeschichtliche Referenzen, insbesondere aus dem Bereich der Klassischen Moderne. Beeindruckt hat Wesselmann vor allem die späte Malerei von Matisse. Seine Serie der Great American Nudes, die er Anfang der sechziger Jahre schuf, mutet wie eine ehrerbietige Hommage an den großen französischen Meister des Dekorativen und Ornamentalen an. Im vorliegenden Fall bezieht sich Wesselmann jedoch ohne Zweifel auf seinen Landsmann Andy Warhol. Der rote Mund in der oberen Bildhälfte ist der Mund von Liz Taylor auf dem berühmten Porträt, das Warhol 1964 von dem Filmstar gemalt hat und von dem es auch eine Offsetlithographie gibt.
[1] Zitiert nach Marco Livingstone im Ausst.-Kat. Tom Wesselmann, 1959-1993, hg. von Thomas Buchsteiner und Otto Letze, Kunsthalle Tübingen, 1994, S. 22.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 154. kat. 113.
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