Egon Schiele, Liegendes, halbbekleidetes Mädchen, Inv. Nr.: 33357
Liegendes, halbbekleidetes Mädchen
Egon Schiele, Liegendes, halbbekleidetes Mädchen, Inv. Nr.: 33357
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Liegendes, halbbekleidetes Mädchen

Egon Schiele

1911




Mit der Reihe der durch Schlaf oder Trance entrückten Frauenzeichnungen (Inv. 31252, Inv. 33357)  von 1911 lenkt Schiele die Rezeption und fixiert den Betrachter im Akt des Beobachtens. Denn sogar diese Augen, die, nur mit ihren eigenen Träumen beschäftigt, nicht mehr aus dem Bild reichen, stellen bei Schiele eine radikale Form der Blickleitung dar. Die Modelle liegen auf einer Decke, sie werden von oben gesehen. So eindeutig die extrem perspektivische Ansicht des Künstlers in der Komposition festgelegt ist, so undeutlich bleibt der Ort des Geschehens und damit die Frage nach einer Auf- oder frontalen Ansicht. Indem die Modelle nicht einfach heimlich beim Schlafen in ihrem Bett beobachtet werden, sondern, bewusst sexualisiert, intime Körperteile zur Schau stellen, gehen sie von der Gegenwart des Betrachters aus.


Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1911
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckfarben, Deckweiß auf Packpapier
Dimensions46 x 30,8 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number33357
Signedr.o. "S.1911"
Text

Die im Schlaf geschlossenen Augen können im Sinne einer „ostentativen Blickverweigerung als Negativ-Form der Betrachteransprache ...“ gedeutet werden (Müller-Tamm 1995, S. 20). Diese Augen, die nur mit ihren eigenen Träumen beschäftigt sind und nicht mehr aus dem Bild reichen, stellen bei Schiele eine radikale „Form der Blickleitung“ (ebd.) dar.

 

Indem die Modelle jedoch nicht einfach heimlich beim Schlafen in ihrem Bett beobachtet werden, sondern, bewusst sexualisiert, intime Körperteile zur Schau stellen, gehen sie von der Gegenwart des Betrachters aus. Absichtsvoll unabsichtlich ist das Hemd bis zum Hals hochgeschoben und legt die Brust des „Liegenden, halbbekleideten Mädchens“ (Inv. 33357) frei.

 

Die Reihe an scheinbar durch Schlaf oder Trance entrückten Frauenzeichnungen von 1911 geht einher mit der für dieses Jahr charakteristischen konkreten Verortung der Figuren, ihre sonst in Schieles Werk kaum vorkommende Einbettung in ein räumlich-gegenständlich definiertes Umfeld.

 

Damit ist vorerst ein Mehr an Klarheit und räumlicher Eindeutigkeit verbunden. Die Modelle liegen auf einer Decke, sie werden von oben gesehen. So eindeutig die extrem perspektivische Ansicht des Künstlers in der Komposition festgelegt ist, so undeutlich ist der Ort des Geschehens und damit doch wieder die Frage nach einer Auf- oder frontalen Ansicht.

 

Neben der räumlich-perspektivischen Verunsicherung tritt bei den Aquarellen dieser Zeit ein weiteres Element auf, das zeigt, wie weit Schiele sich von seinem Vorbild Klimt entfernt hat. Die Textilien dienen als dekorative Zonen, von denen sich die Körperteile mit ihrem Linienfluss und dem hellen Hautton unmissverständlich abheben. Bei Klimt sind die textilen Dekorationszonen von einer starren Tektonik; bei Schiele sind sie gleich einem dynamisch-bewegten Rhythmus ihrer Struktur nach in die Begleitung der Körperhaltung verwandelt. Auch dies ist Teil der ästhetischen Strategie, die räumliche Situation des Modells zu verunklären.

 

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 166-168.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 812
  • Bibliography
  • AK Albertina 1961, Nr. 186
  • AK Albertina 1968, Nr. 171, Abb.
  • Koschatzky 1968, Nr. 16
  • Mitsch 1969, Abb. 23
  • Dobai 1968/69, S. 10
  • AK Kopenhagen 1973, Nr. 21
  • AK Albertina 1974/75, Nr. 123
  • AK Genf 1980, Nr. 21, Abb.
  • AK Berlin 1986, Nr. 21, Abb.
  • AK Albertina 1990, Nr. 78, Abb.
  • AK Washington u.a., 1994, Tafel 10
  • AK Wien 1996–1998, ohne Nr.
  • AK London 2001 a, ohne Nr.
  • Kallir 2003, S. 151
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 100
  • AK Amsterdam 2005, S. 74, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 79
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 81
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 82-83 (in spanischer Sprache)

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    Last edited21.12.2020