Wurzel Jesse
Anselm Kiefer
2008
In dem Gemälde Wurzel Jesse zeigt sich Kiefers freier, assoziativer Umgang mit Mythologie und Geschichte. Im Alten Testament berichtet der Prophet Jesaja von der Wurzel Jesse, aus der die zwölf Stämme Israels hervorgehen, die, so sieht es Kiefer, das gesamte Spektrum der jüdischen Kultur ausmachen. Mythen faszinieren Kiefer, weil sie Verbindungen zwischen himmlischen und irdischen Welten herstellen und es erlauben, Menschheitsereignisse und -katastrophen als das Werk von Göttern darzustellen. Für ihn haben Mythen ihre Wirksamkeit bewahrt: Sie verzaubern die Welt und lassen uns die Anwesenheit uralter Kräfte erahnen.
Doch die Arbeit am Mythos ist nicht – und nie – zu Ende. Der Stammbaum Christi, die Wurzel Jesse, reicht bis in die jüngste Vergangenheit der Vernichtung und Verbrennung der Juden: Vor dem verbrannten Hintergrund schweben die Leichenhemdchen ausgelöschter Kinder. Der blühende Stammbaum wird zum schmerzhaften, dürren Dornenstrauch.
Anselm Kiefer beschäftigt sich in seinen Bildern und Plastiken nicht nur mit literarischen Stoffen (siehe Inv. GE160DL) oder mit alten Mythen (siehe Inv. GE177DL), er setzt sich auch immer wieder mit religiösen Themen auseinander. So auch diese beiden Werke aus der Sammlung Batliner, die beide 2008 entstanden sind. Trägt das eine den Titel Wurzel Jesse, so heißt das andere San Loretto (Inv. GE381DL). Letzteres spielt auf die uralte christliche Legende an, gemäß der das Haus Mariens von Engeln aus Palästina nach Italien, an einen Ort namens Loreto, getragen worden sei. Das kleine umbrische Dorf wurde in der Folge zu einem der meist besuchten Marienwallfahrtsorte, sodass im 17. Jahrhundert um das einfache Ziegelhaus eine große, prächtig ausgestattete Kirche errichtet werden konnte. Nachbildungen dieser Casa santa gibt es auch in Österreich und in der Schweiz, und auch diese Sanktuarien heißen oft Loreto oder Loretto.
Sichtbar von der Casa santa ist auf Kiefers Gemälde nichts. Wie so oft bei diesem Künstler bleibt der Bildinhalt ein Mysterium. Was auf die alte Legende anspielt, lässt sich höchstens erraten. So könnte die Tatsache, dass die Malmaterie wie von einem heftigen Windstoss aufgewühlt zu sein scheint, auf die wundersame Versetzung der heiligen Stätte anspielen.
Auf uralte Formen der Marienverehrung spielt auch das zweite Bild an. Obschon hier ganz konkrete Gegenstände wie ein echter Strauch samt Wurzeln und drei im Raum schwebende Kinderkleider aus Bleiblech zu erkennen sind, fällt eine Deutung erneut schwer. Sicher ist nur, dass sich auch hier unter der krustigen, aus mehreren Sedimenten bestehenden Bildoberfläche ein Geheimnis verbirgt. Zu Recht spricht Wieland Schmied in Bezug auf diesen Künstler von der „Präsenz des Abwesenden“. Kiefer gehe „im Sinne der kabbalistischen Lehre vor, wenn er das Eigentliche in immer neuen Einkleidungen verhüllt und das, was er zeigen will, konsequent verdunkelt.“ Der Künstler selber habe dies einmal so ausgedrückt: „Die ganze Malerei, aber auch die Literatur und alles, was damit zusammenhängt, ist ja immer nur ein Herumgehen um etwas Unsagbares, um ein Schwarzes Loch oder um einen Krater, dessen Zentrum man nicht betreten kann.“[1]
[1] Wieland Schmied, „Bleierne Meere und kosmische Räume – am Anfang war die Unendlichkeit. Gedanken über das Werk Anselm Kiefers“, im Ausst.-Kat. Anselm Kiefer – am Anfang, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, 2003, S. 33.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 148, Kat. 45.
