Brief von Egon Schiele an Heinrich Benesch vom 25. Juli 1914
Egon Schiele
25. Juli 1914
Allgemein (Kuvert): 9,5 x 14,1 cm
[Kuvert Vorderseite:] Egon Schiele z.z. Villach | Hotel Gold. Lamm | T.40. (https://www.goldeneslamm.at/geschichte/§)
[Kuvert Rückseite:] Herrn Heinrich Benesch | Wien XII. | im Postgebäude Altmannsdorf | (Altmannsdorferstr. 72)
[Text:] Samstag. | Lieber Herr B. ich glaube, daß es | Ihnen gleichgiltig ist, ob ich mit Tinte | oder Bleistift schreibe. – ich bitte Sie | Herr B. – weil ich niemanden | Näheren habe daß Sie am Montag | nachmittags ab 3h in das Atelier | Professor Hoffmann, Stubenring 3 gehen | und, – da natürlich, obwohl ich |ausgerechnet um mehr als die Hälfte weni- | ger als in Wien, hier zum Leben brauche, | endlich mein Geldvorrat zu Ende ist. | Sie wissen, daß ich voriges Jahr einen Goltz | einen Reininghaus und einen Hauer hatte, | wogegen ich heuer nur jetzt, anfangs | des Monats Juli das letzte Bild mit | Wäsche an Dr. Heinrich Böhler um | 500 K verkauft habe, wovon ich meine | allerdringlichsten Abzahlungen von | 300 K machte, das übrige brauchte ich | noch in Wien und rund 120 K nahm ich | mit. – In der Zeit was ich hier bin || erhielt ich noch 40 K von Professor Hoffmann; | – diese sind nun fast vollkommen | aus d.h. ich kam eine volle Woche | damit aus. – Nun, – ich sandte | an das Atelier Hoffmann unlängst | drei neue Figurenzeichnungen und | 5 neue Landschaftszeichnungen, mit | denen ich vor hatte 2 davon Hoffm. | als Dankbeweis für seine Annahme | zu präsentieren. – ich schrieb an | Sie Herrn Dr. Jung ob von den neuen | Blättern 3 verkauft werden könnten, | telegraphierte auch und da ich bis | jetzt keine Antwort erhielt, ich | glaube daß niemand weder Hoffm. | noch Jung in Wien sind, – dagegen | aber mit Sicherheit denke daß | irgendjemand im Atelier sein | muß. – ich schrieb daß ich mich || mit dem Gedanken befasse, als | Leiter für dek. Malerei an eine | Kunstschule zu kommen, – oder | selbst 4 oder 5 Schüler bekommen | könnte, nachdem es mich moralisch | kränkt endlich als Fechter [Anm.: Bettler] bezeichnet | zu werden und ich absolut nicht, | halbwegs zu dem gelangen | kann wohin es mich drängt, | weil ich immer und immer meine | neuesten Arbeiten, Studien die | eigendlich [sic] nur für mich bestimmt | sind um Werke entstehen zu lassen, | undurchgeistigt kurz im Entstehungs- | zustand weggeben muß um | leben zu können. – ich habe ganz | entschieden die Absicht, – wenn sich | hier nicht etwas Besonderes für mich | bietet – ich im Winter dauernd || nach Deutschland zu gehen, wo doch | weit mehr Kunstanstalten und | überhaupt mehr Gelegenheit | wäre um sich entwickeln zu können. | – Das letzte Jahr gab mir Beweise | genug, wie man sich im allgemeinen | zu mir verhält, und, da ich es für | dringlich finde mir entgegen zu kommen | d.h. sich um den Künstler zu kümmern, | was natürlich der „veredelte“ Mensch | tun wird und nicht ich ewig ruhen | soll „erhaltet, fördert“ mich, – so | will ich Vorbereitungen treffen um | mich vorerst auf irgendeine Art | und sei es, daß ich mich irgendwo | verbergen soll und das primitivste | Leben zu beginnen. – | Wenn Sie Herr B. am Montag für | 4 Zeichnungen, 80 K, so viel ich benötige | von Hoffm. oder Jung erhalten, so haben [Anm. hier endet der erhaltene Teil des Briefes]
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