Badende Mädchen im Waldteich
Otto Mueller
um 1918
Für die Künstler der „Brücke“ spielt der Mythos der Ursprünglichkeit eine bedeutende Rolle: Zentrale Themen sind der Einklang zwischen Natur und Mensch und dessen Einbettung in eine arkadische Landschaft. Das gilt auch für das Werk Otto Muellers: Der Künstler ist bestrebt, mit „größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken“. Die Darstellung völlig in sich versunkener Akte in einer unprätentiösen, arkadischen Landschaft ist für Mueller stets ein Sinnbild für Ursprünglichkeit und Ausdruck der Sehnsucht nach einer harmonischen Einheit von Mensch und Natur, mit der der Künstler seine Vorstellung eines irdischen Paradieses verknüpft.
The myth of naturalness was of crucial importance to the “Brücke” (Bridge) group of artists. An accordant relationship between nature and man as well as embedding man into an Arcadian landscape were key issues for them. This also holds true for Otto Mueller’s work: the artist strove “to express emotions felt at the sight of a landscape and a human being with the greatest simplicity possible”. For Mueller, depictions of self-absorbed nudes in unpretentious Arcadian landscapes always symbolised primitiveness and were an expression of the yearning for a harmonious co-existence of man and nature – something the artist associated with his idea of an earthly paradise.
Rahmenaußenmaß: 97 x 75,5 x 7 cm
Otto Muellers liebstes Bildthema war die Darstellung von nackten Badenden in unberührter Landschaft. Sein Leben lang wurde er nicht müde, dieses uralte Thema der Kunstgeschichte, das Paul Cézanne in der Neuzeit zur Vollendung führte, immer wieder aufzugreifen. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte die Thematik aber auch andere bedeutende Künstler, unter ihnen Muellers Malerfreund Ernst Ludwig Kirchner, der führende Kopf der Künstlergruppe Die Brücke, der sich Mueller 1910 ebenfalls anschloss. Ohne Zweifel wurden Bilder wie das vorliegende von den gleichen Erlebnissen inspiriert wie die Badeszenen von Kirchner. Seit 1910 pflegte Mueller nämlich Sommer für Sommer mit Kirchner und Heckel und in Begleitung junger Frauen an entlegene Strände zu fahren, wo sie unbekümmert nackt baden und sich auch sonst ungehemmt ausleben konnten. Erst war dies an den Moritzburger Teichen in Sachsen, dann, von 1911 an, auf der Ostseeinsel Fehmarn. Ein Bild von Kirchner aus dem Jahr 1913, das sich ebenfalls in der Sammlung Batliner befindet, illustriert einen dieser Aufenthalte anschaulich .[1]
Kann man vor Kirchners Badeszenen oft mit ziemlicher Sicherheit sagen, wer die nackten Badenden sind, die sich da am Strand tummeln, ist dies im Falle von Mueller unmöglich. Bei ihm sind die Figuren so stark ins Unpersönliche abstrahiert, dass sie keinerlei Wiedererkennungswert mehr besitzen. Bezeichnend dafür ist, dass Mueller dem vorliegenden Bild den Titel Landschaft mit Staffagen gab. Ebensogut hätte er es wie eine kurz darauf entstandene Lithographie Waldlandschaft mit kleinen Figuren nennen können. Noch unmöglicher ist es zu bestimmen, wo sich die dargestellte Szene abspielt: Man kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sich das Bild überhaupt auf ein bestimmtes Erlebnis bezieht oder ob es sich nur um eine Erinnerung an frühere – und bessere – Zeiten handelt. Das Bild ist nämlich erst nach Ende jenes mörderischen Krieges entstanden, an dem Mueller zwischen 1916 und 1918 ebenfalls hatte teilnehmen müssen. [2]
Was Otto Mueller schuf, sind idealtypische Abstraktionen, die wohl ausnahmslos im Atelier gemalt wurden. Auch die Bildfarbe ist bei ihm weitgehend von ihrer Darstellungsfunktion gelöst und auf wenige pastellartige Töne beschränkt. Da der Künstler zudem die Farbe nur wenig verdünnt und als Malgrund grobe Jute verwendet, geht von seinen Bildern eine geradezu freskoartige Wirkung aus.
[1] Rudolf Koella und Felix Billeter, Verborgene Meisterwerke R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz, Wien 2005, S. ??.
[2] Diese Datierung beweist die Tatsache, dass das Bild 1919 bei Cassirer in Berlin ausgestellt war und im gleichen Jahr in der Zeitschrift Kunst und Künstler abgebildet wurde.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 44, Kat. 64.
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