Edith Schiele
Egon Schiele
1915
In der Studie von seiner Frau Edith gelingt es Schiele, den beseelten und melancholischen Gesichtsausdruck seiner Frau wiederzugeben. Tatsächlich hat die junge Braut unter der plötzlichen Einsamkeit nach der Trennung von ihrem zum Militär einberufenen Mann zutiefst gelitten.
Nach Schieles Berufung zum Militärdienst im Juni 1915 kommt seine künstlerische Produktion in diesem Jahr fast völlig zum Erliegen. Allein die Studien zum lebensgroßen Porträt seiner erst zwei Monate zuvor geheirateten Frau #Edith im August sowie die Porträts der russischen Kriegsgefangenen vom November 1915 führen zu kleinen Konvoluten an Zeichnungen und Gouachen.
Wie ganz allgemein in diesem Jahr zeichnet auch die feine Bildnisstudie von #Edith Schiele ein deutlicher Naturalismus aus; die Phase der geometrischen Stilisierungen ist endgültig vorbei. So unprätentiös die mit einem weichen Bleistift gezeichnete Studie ist, so überzeugend gelingt es Schiele, den ungemein beseelten und melancholischen Gesichtsausdruck seiner Frau wiederzugeben. Tatsächlich lässt ihr Briefverkehr aus den ersten Monaten nach Schieles Einberufung erkennen, wie sehr sie unter der Einsamkeit in der Fremde gelitten hat. Im gemalten Porträt (Gemeentemuseum Den Haag) weicht dieser von nachdenklicher Trauer überschattete Gesichtsausdruck einer oft bemängelten Darstellung puppenhafter Starre und geistiger Leere.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 332.
