Blick auf ein Dorf mit einer Prügelszene
Allart van Everdingen
um 1660
Allart van Everdingen war der Sohn eines Notars und der Bruder des Historienmalers #Cesar van Everdingen (1616/17-1678). Arnold Houbraken zufolge ging Allart in Utrecht bei #Roelant Savery und in Haarlem bei #Pieter de Molyn in die Lehre (De Groot Schouburgh der Nederlantsche Kunstschilders en Schilderessen, 2. Aufl., Den Haag 1753, S. 94). 1639 zog van Everdingen von Haarlem in seine Geburtsstadt Alkmaar. Sein Aufenthalt an der Südostküste von Norwegen und in Schweden in der Gegend von Göteborg in den Jahren 1644/45 ist durch eine kleine Gruppe von Aquarellen dokumentiert. 1652 zog van Everdingen mit seiner Familie von Haarlem nach Amsterdam; zwei seiner Söhne ergriffen ebenfalls den Malerberuf. Als Maler, Zeichner und Radierkünstler befasste van Everdingen sich mit der Marinethematik, mit niederländischen Landschaftsmotiven und vor allem mit der skandinavischen Landschaft, wodurch er in der Kunst des niederländischen 17. Jahrhunderts das einzige nördliche Gegenbeispiel zu den zahlreichen Italienreisenden darstellt. Auch van Everdingen ließ sich, ähnlich wie seine südlich orientierten Kollegen, noch Jahrzehnte nach seiner Rückkehr aus Skandinavien von seinen Reiseerinnerungen und den dort entstandenen Zeichnungen und Aquarellen inspirieren.
Die vermutlich um 1660 entstandene Zeichnung "Blick auf ein Dorf mit einer Prügelszene" gehört zu van Everdingens niederländischen, zumeist aus der Fantasie entstandenen Landschaftssujets, die auf Studien nach dem Leben zurückgehen. Was auf den ersten Blick vor allem aufgrund des heiteren Kolorits wie eine harmlose Szene anmutet, stellt sich bei näherer Betrachtung als die Vollstreckung einer öffentlichen Prügelstrafe heraus. Die große Menge der schematisch wiedergegebenen Schaulustigen drängt sich um ein Podium, auf dem sich die dunklen Silhouetten der Hauptfiguren abheben. Wie in frühen realistischen Landschaftszeichnungen - etwa von #Esaias van de Velde - öffnet sich im Vordergrund ein Weg, der den Blick des Betrachters leicht aufwärts zum Mittelfeld führt; an flämische Beispiele erinnert die Grün-braun-blau-Gliederung der Raumschichten. Von großer Seltenheit bei van Everdingen ist nicht nur das Motiv der Prügelszene, sondern auch die Vanitassymbolik des dunklen, kahlen Baumes mit den dunklen Silhouetten der Krähen im Vordergrund. Der Menschenauflauf und das dörfliche Ambiente erinnern an die zahllosen Kirmes- und Jahrmarktszenen, die #Jan van Goyen in den 1650er-Jahren gezeichnet hat. Angesichts der schematisierten Zuschauergruppe ist man sogar geneigt, an die Massenszenen der Radierungen von #Jacques Callot zu denken, in denen die Gräuel des Krieges allerdings weitaus eindringlicher vorgeführt werden.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 124, S. 264-266.
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