Friedhof im Regen
Vincent Van Gogh
Spätherbst 1886, Paris
Vincent van Gogh, in Brabant als Sohn eines Pastors aufgewachsen, kam mit sechzehn Jahren zur Kunsthandlung Goupil in Den Haag. Vorübergehend war er in England als Hilfslehrer und in Belgien als Hilfsprediger tätig. Zu zeichnen begann er 1879, bald darauf begann er seine spektakuläre, nur zehnjährige künstlerische Laufbahn. Zwischen 1883 und 1885 hielt er in Brabant in dunklen, schwermütigen Gemälden und Zeichnungen das Elend der armen Bevölkerung fest. Nach dem Tod des Vaters (1885) zog Vincent nach Paris, wo sein Bruder #Theo als Kunsthändler seine Gemälde vertrieb. Hier wurde er entscheidend vom Kolorit seiner französischen Zeitgenossen wie auch von der japanischen Holzschnittkunst inspiriert. Van Goghs Ateliergemeinschaft mit #Paul Gauguin in Arles (1888) endete mit seinem geistigen Zusammenbruch; zwei Jahre später nahm er sich das Leben. Die flammenden Gemälde und Zeichnungen dieser letzten Periode gehören zu seinen berühmtesten Arbeiten.
Die Darstellung eines Pariser Armenfriedhofs, gezeichnet im Spätherbst 1886, ist noch von der melancholischen Schwere der kurz davor in Brabant entstandenen Arbeiten geprägt (Datierung von Teio Meedendorp einer mündlichen Auskunft zufolge, in: AK Albertina 2005, S. 126, Nr. 49, Anm. 1). Im Vordergrund einer kahlen, regengepeitschten Ebene arbeiten zwei Männer mit Schaufeln in einer breiten Grube, beobachtet von einem Mann mit Schirm. Eine lange Reihe von schlichten Holzkreuzen erstreckt sich zum Hintergrund hin. Die kleine Kinderbegräbnis-Prozession im Hintergrund erhöht den melancholischen Charakter der Darstellung.
Inspiriert wurde van Gogh vermutlich von einer Textstelle des von ihm sehr bewunderten Schriftstellers #Émile Zola, der in "L'Œuvre" (1886) sehr einprägsam ein Begräbnis auf dem Armenfriedhof von St. Ouen beschrieb. Dass van Gogh diesen an der Pariser Peripherie gelegenen Friedhof auch wirklich gekannt hat, ist wahrscheinlich. Auch aus anderen Arbeiten dieser Jahre geht seine intensive Auseinandersetzung mit der bedrückenden Pariser Vorstadtgegend hervor. Eine äußere Ähnlichkeit zeigt die Albertina-Zeichnung - ebenso wie die weitgehend vergleichbare Version im Kröller-Müller Museum in Otterlo - mit der Umschlagillustration des Romans "Germinie Lacerteux" der Brüder 'Goncourt, vor allem was die Wiedergabe der Kreuze betrifft (vgl. AK Paris 1988, S. 62, Nr. 12).
Van Gogh verband die verschiedenartigen Eindrücke zu einer höchst authentischen Synthese. Die blockartig zusammengefassten Formen werden von feinen parallelen Linien definiert, die in verschiedenen, sich manchmal kreuzenden Formationen die ganze Darstellung überziehen und in ihren lebhaft wechselnden Graunuancen einen wesentlichen Stimmungsfaktor bilden. Im Motiv der grabenden Männer bezog sich van Gogh auf zwei Figurenstudien, die er 1882 in Den Haag gezeichnet hatte. Vermutlich hat er die Zeichnung - wohl auf der Basis von gezeichneten Studien nach der Natur - im Atelier geschaffen.
Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 189.
