Junger Mann umarmt eine alte Frau
Jacob Hoefnagel
1602
Die umrahmte Zeichnung des ungleichen Liebespaars zeigt die bis ins Karikaturhafte abgemagerte Gestalt einer zahnlosen Greisin, deren einstige Rundungen schlaff über dem offenen Oberkleid sichtbar werden. Dem prallen Geldbeutel, den sie mit der linken Hand umschließt, hat sie eine Kostbarkeit entnommen. Der höfisch gekleidete Jüngling mit wallend gelocktem Haar rechts von ihr hat seinen Arm um den Hals der Alten gelegt und sichert sich mit der Linken die für seine Liebesdienste in Aussicht gestellte Entlohnung.
Die Hauptdarstellung, das Ungleiche Paar – ein Motiv aus der Ikonografie nördlich der Alpen –, ist eine von mehreren Kopien nach einer verlorenen Zeichnung von Leonardo da Vinci. Dessen Originalzeichnung lässt sich bis in die Sammlung von Thomas Howard Graf von Arundel zurückverfolgen, wo sie Wenzel Hollar 1646 radierte (The New Hollstein, Hollar, 877). Ursprünglich soll sich da Vincis Blatt in der Sammlung von Kaiser Rudolf II. befunden haben (Moeller 1928). Die rückseitige Bezeichnung »vom Hufnagel 1602« verbindet die Wiener Kopie mit zwei anderen Zeichnungen: Maler und Käufer, eine Kopie nach Pieter Bruegels d. Ä. Original (Inv. 7500), und Aktäon und die Nymphen, deren Landschaft nach Jan Brueghel d. Ä. gestaltet wurde (zu beiden Blättern Vignau-Wilberg 1987, S. 204, Abb. 12, 13, mit Literatur). Beide weisen den gleichen Namenszug mit der Jahreszahl 1602 von derselben Hand auf. Jacob Hoefnagel profiliert sich auch in anderen Blättern als ein versierter Kopist von Zeichnungen alter Meister. Das veredelnde Kopieren von Altmeisterzeichnungen genoss in der Zeit der Dürer-Renaissance hohes Ansehen (vgl. auch Aegidius Sadelers Kupferstich-Kopien nach Dürer), und es ist zu vermuten, dass sich sämtliche kopierte Originale zumindest zeitweise in Rudolfs Besitz befanden.
Überraschend ist die von einer anderen Hand gezeichnete Umrahmung, mit einer durchlaufenden, wasserreichen Hügellandschaft, in der sich Wassertiere, Säugetiere und Vögel tummeln. Varianten des gezeichneten Rahmens finden sich bei je zwei Blättern in Prag (Národní galerie; jedes mit einer Zeichnung von Giulio Romano) und im Rijksprentenkabinet Amsterdam, wo aber das Mittelbild nicht erhalten ist (Vignau-Wilberg 1987, Abb. 7 –10). Die Einfassungen sind Bearbeitungen der Rahmenbordüren einer Folge von flämischen Tapisserien mit der Geschichte Noahs, die vor 1563 entstanden ist.
Die Zeichnungen wurden jeweils der (vielleicht teilweise vorgefertigten) Bordüre angepasst: Die Blätter Giulio Romanos wurden beschnitten, die Leonardo-Kopie durch zusätzliche Umrahmungslinien optisch vergrößert. Die Umrahmungen sind als Merkmal eines unbekannten Zeichnungssammlers zu betrachten, der – dem Libro de disegni des Vasari folgend – die Wirkung seiner Meisterzeichnungen durch den Zierrahmen zu steigern wünschte.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, S. 178.
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