Josef wird der Silberbecher gezeigt, den man im Sack Benjamins gefunden hat
Domenico Maria Fratta
18. Jahrhundert
Domenico Maria Fratta erhielt seine erste Ausbildung bei Domenico Maria Viani und später bei dessen Schüler Carlo Antonio Rambaldi. Anschließend kam er im Haus des begeisterten Sammlers Graf Pietro Ercole Fava in die Lehre von Donato Creti, wo Fratta jedoch eine mangelnde Begabung für die Malerei feststellte. Er entwickelte sich zu einem äußerst versierten Zeichner, der exakt und detailliert durchgearbeitete Blätter schuf. Vor allem die reinen Federzeichnungen mit ihren präzise gesetzten, an Gravuren der Druckgrafik erinnernden Linien gemahnen an den Stil seines Lehrers Creti, mit dessen Zeichnungen sie teilweise auch verwechselt wurden. Fratta schuf zahlreiche Vorlagen für die Druckgrafik und radierte in der Frühzeit auch selbst, gab die Technik aber wegen einer Augenkrankheit nach kurzer Zeit wieder auf, weil er die Reflexion der Kupferplatten nicht ertragen haben soll. Von Owen Mc Swiny erhielt Fratta den großen Auftrag, Vorlagen für eine Stichpublikation von fantasievollen Grabmonumenten bedeutender britischer Persönlichkeiten, den Tombeaux des Princes, Grands Capitaines et autres Hommes illustres qui ont fleuri dans la Grand Bretagne vers la fin du XVII et le commencement du XVIII siècle, zu liefern (VAN HOUTVEN 1999). Frattas Zeichnungen entstanden mit Abwandlungen nach Bildern, die ab 1723 bolognesische und venezianische Maler wie Canaletto, Piazzetta, Marco und Sebastiano Ricci oder Donato Creti gemalt hatten. Bei diesen Gemälden führten spezifische Künstler die figürlichen Partien, andere die Landschaften und Architekturen aus. Diese zeichnerische Reproduktion von Gemälden anderer Künstler brachte Fratta weitere vergleichbare Aufträge ein. Er schuf Nachzeichnungen von Nicolò dell’Abates und Pellegrino Tibaldis Fresken im Palazzo Poggi oder von Abates Wandbildern im Palazzo Torfanini in Bologna (ROLI 1982, S. 366), die in Druckgrafiken verbreitet wurden.
Eine enge Beziehung entwickelte Fratta zu dem Kloster der Olivetaner, S. Michele in Bosco in Bologna, das er häufig aufsuchte. und dort die berühmten Fresken von Ludovico Carracci, Guido Reni und anderen in Kopien festhielt. Für das Kloster verfertigte Fratta 1745 ein Album mit 43 Zeichnungen von Panduren (Soldaten einer irregulären österreichischen Kavallerie-Einheit), das vor nicht allzu langer Zeit in Palermo (Galleria Nazionale della Sicilia) entdeckt wurde (MAZZA 1994–1995 1). In S. Michele in Bosco hatte Fratta einen engen Kontakt zu dem kunstsinnigen Padre Pier Francesco Magnani aufgebaut, für den er in den 1750er-Jahren verschiedene Zeichnungen ausführte. 1752–1753 erhielt der Künstler von Magnani eine Bezahlung für zwei Zeichnungen mit den Darstellungen Josef wird der Silberbecher gezeigt, den man im Sack Benjamins gefunden hat und David lässt Baana und Rechab, die Mörder von Ischbaal, töten (ROLI 1982). Die beiden braun und grau lavierten Federzeichnungen, die offensichtlich als Pendants konzipiert wurden, befinden sich heute in der Accademia di Brera in Mailand (Mailand 1995, Nr. 62, 63; Text von R. Roli). Sie sind detailliert und bildartig durchgestaltet und haben die Funktion autonomer Zeichnungen, die nicht als Vorlagen für Gemälde oder Druckgrafiken, sondern von Beginn an als reine Sammelobjekte geschaffen wurden. An den bildhaften Zeichnungen Frattas bestand offenbar reges Interesse von Auftraggebern nicht nur aus Bologna, sondern auch aus verschiedenen Ländern Europas (MAZZA 1994–1995 2, S. 52f.). Das Blatt steht in direktem Zusammenhang mit der Darstellung der Auffindung des Silberbechers. Es ist allerdings kleiner im Format und in der Durchführung etwas flüchtiger. Auf der linken Seite fügte der Künstler eine Tür ein, und zudem spielte er mit der Überlegung, an der Rückwand ein Fenster einzusetzen. Die Anlage der Figurengruppen ist bereits nahezu identisch, lediglich in der Charakterisierung der Köpfe und bei einzelnen Bewegungsmotiven finden sich kleinere Abweichungen. Aus all dem wird deutlich, dass die Zeichnung eine Vorstudie für das Blatt in der Accademia di Brera in Mailand ist.
Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Wien 2015.
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