Kopfstudien
Domenico Maria Canuti
Mitte 17.-spätes 17. Jahrhundert
Domenico Maria Canuti kam nach einer kurzzeitigen Ausbildung bei Giovanni Battista Bertusi in die Lehre von Guido Reni und war nach dessen Tod 1642 für einige Zeit unter den Bologneser Malern Giovanni Andrea Sirani und Guercino tätig. Er reiste vermutlich um 1646 nach Rom, wo er unter Giovanni Lanfranco gearbeitet haben soll. 1655 kehrte er spätestens nach Bologna zurück. Entscheidend für den damals bereits gesuchten Maler war die Förderung durch Mitglieder der Bologneser Senatorenfamilie Pepoli: Graf Odoardo übertrug ihm Aufträge im Palazzo Pepoli Campogrande, und Taddeo Pepoli, der Canuti während seiner gesamten Schaffenszeit unterstützte, verhalf ihm zu Aufträgen der Olivetaner in Padua und Bologna. 1662 führte Canuti Fresken im Castello in Marmirolo bei Mantua aus, wo er vermutlich 1667 erneut tätig war. Im Frühjahr 1672 reiste er wiederum nach Rom und schuf dort u. a. Wandmalereien in den Palazzi Colonna und Altieri. Ein Hauptwerk aus dieser Zeit sind die umfangreichen Fresken in SS. Domenico e Sisto. Am 4. September 1674 wurde der Künstler in die römische Accademia di S. Luca aufgenommen. 1677 kehrte Canuti in seine Heimatstadt zurück, wo ihm Taddeo Pepoli bedeutende Aufträge im Olivetanerkloster S. Michele in Bosco vermittelte. Zunächst schuf er die Dekoration der Bibliothekssäle (1677–1680) und später die Fresken der Kuppel und Apsis der Klosterkirche (1682–1684). Canuti war der bedeutendste Bologneser Maler des Spätbarock. Er war vor allem auf dem Gebiet der illusionistischen Deckenmalerei wegweisend, indem er die streng architektonische Quadratura-Malerei von Girolamo Curti, Agostino Mitelli oder Angelo Michele Colonna überwand und zu einer dekorativeren, stärker aufgelockerten Gestaltungsweise fand, in der die architektonischen, skulpturalen und figürlichen Elemente in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander kommen und sich gegenseitig durchdringen.
Das von Canuti eigenhändig signierte Blatt zeigt drei vermutlich nach dem Leben gezeichnete Figuren. Der Künstler hat sie wohl unabhängig voneinander studiert, da sie in keinem direkten Zusammenhang stehen und aneinandergestückt anmuten. Die linke Gestalt ist durch ihren antikischen Helm als Soldat gekennzeichnet und sollte möglicherweise Verwendung in einem Gemälde finden, doch keine der drei Figuren kehrt unmittelbar in den Malereien Canutis wieder. Vielleicht entstand die Zeichnung aus der Überlegung heraus, verschiedene Charaktere gegenüberzustellen, die zugleich unterschiedliche Lebensalter widerspiegeln. Die Figuren sind mit spontan auf das Papier gesetzten Federlinien rasch umrissen. Zur Modellierung verwendet der Künstler Schraffuren unterschiedlicher Dichte und Tönung, die unvermittelt aneinanderstoßen und teilweise von anderen Schraffuren überlagert werden. Die Strichlagen enden abrupt und kontrastieren mit dem hellen Blattgrund, wodurch Brüche in den Übergängen entstehen. Die Köpfe sind wie unter starkem Streiflicht betrachtet, was ihnen eine reliefhafte Wirkung gibt. Der Künstler umreißt sie mit langen fließenden Linien, wodurch ihre kompakte Konsistenz an den Randbereichen aufgelöst wird. Die Dynamik dieser Linien intensiviert den Ausdruck der jeweiligen Gestalt und unterstreicht die Spontaneität und Intensität der Bewegung. Der schnellende Verlauf dieser Linien, der eine Tendenz zum Selbstgefälligen, Dekorativen, erkennen lässt, erinnert dabei an den Zeichenstil von Guercino. Dieser Künstler verwendet in seinen Zeichnungen in ähnlicher Weise Schraffuren mit unterschiedlich kräftigen Federlinien, die unvermittelt aneinander anstoßen (vgl. Heimsuchung in Windsor Castle; siehe Fort Worth, Washington und New York, 1991–1992, Nr. 41). In Canutis Blatt bilden die Linien an ihrem Ende kurze Schwünge und gehen daher in den Schraffuren nahtlos ineinander über, was ebenfalls bei Zeichnungen Guercinos anzutreffen ist (vgl. Halbfigurenbildnis eines bärtigen Mannes im British Museum; TURNER und PLAZZOTTA 1991, Nr. 124).
Offensichtlich widmete sich Canuti mit großer Begeisterung Studien dieser Art, was aus der eigenhändigen Aufschrift auf der Vorderseite des Blattes hervorgeht: »Altro diletto che studiar non prouo« – »Etwas anderes als Studieren vermag mir kein Vergnügen zu bereiten«.
Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Wien 2015.
