Entwurf für ein Deckengemälde: Pallas Athene
Ciro Ferri
Mitte 17.-spätes 17. Jahrhundert
Die Darstellung der Kriegsgöttin Minerva oder Bellona auf Wolken mit einer Lanze in ihrer linken Hand, mit der sie einen Krieger zu ihren Füßen niedergestreckt hat, ist wie die Frauengestalt auf der Rückseite des Blattes in ein Pendentif eingefügt. Beide Zeichnungen waren somit vermutlich für eine Freskodekoration unterhalb einer Kuppel oder eines Gewölbes vorgesehen. Einer alten Federaufschrift auf Recto zufolge stammen die Zeichnungen von der Hand des Malers Ciro Ferri, der ein Schüler von Pietro da Cortona war und sich äußerst eng an den Stil seines Lehrers anschloss. Ferri arbeitete an zahlreichen Projekten Cortonas, wie etwa dem Fresko in der Tribuna in der Chiesa Nuova, mit und führte verschiedene von seinem Lehrer begonnene Dekorationen unter Zuhilfenahme von dessen Vorzeichnungen und Kartons zu Ende. Letztere überarbeitete er teilweise, änderte sie ab und fügte eigene Ideen hinzu wie im Falle der Fresken in der Sala di Apollo im Palazzo Pitti oder der Mosaiken im Vestibül der Cappella della Pietà im Vatikan. Nach Cortonas Tod 1669 stieg Ferri zu einem der führenden Barockkünstler Roms auf, der neben Malereien auch Entwürfe für Skulpturen, Architekturen, kunstgewerbliche Gegenstände und Vorlagen für die Druckgrafik schuf. Sein größter Auftrag war die Dekoration der Kuppel von Sant’Agnese in Agone, die nach Ferris Tod ein Schüler vollendete.
Die beiden Zeichnungen für Pendentif-Darstellungen lassen sich jedoch mit keinem von Ferris erhaltenen Werken in Verbindung bringen, und nach Auskunft von Jörg Martin Merz und Ursula Verena Fischer Pace stammen sie auch nicht von der Hand dieses Künstlers. Die Strichführung mit ihren in breitem Abstand gesetzten Schrägschraffuren sowie den skizzenhaften, dynamisch über das Blatt gezogenen Linien, die ein regelrechtes Gewirr bilden, lässt gewisse Bezüge zu Zeichnungen Ferris erkennen. Andererseits gibt es grundlegende Abweichungen, die gegen eine Zuschreibung an diesen Künstler sprechen. In den Zeichnungen Ferris sind die Linien äußerst lebendig und kraftvoll gezogen (vgl. DAVIS 1986). Sie überlagern sich und verbinden sich zu kompakten Bündeln, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Durch das sukzessive Verdichten der Linien vermag es der Künstler, die Körper plastisch herauszumodellieren. Hierzu tragen auch die Schraffuren bei, die in unterschiedlicher Intensität aufgesetzt sind und sich teilweise übereinanderschichten und damit zu dem oben angesprochenen Effekt der Verdichtung beitragen. In dem hier besprochenen Blatt aus der Sammlung Feldmann ist die Strichführung weniger komplex. Die Schraffuren werden flächenfüllend eingesetzt und verbinden sich nicht mit den Umrisslinien. Daher entwickeln die Figuren kein vergleichbares plastisches Volumen. Während die Gestalten in den Zeichnungen Ferris dynamisch agieren und von kraftvollem inneren Leben durchpulst werden, wirken die Bewegungen auf dem vorliegenden Blatt leicht und geziert, zumal die Linien eine Tendenz zum Dekorativen auszeichnet. Möglicherweise stammt das Blatt von einem Künstler aus dem Umkreis oder einem Nachfolger Ferris. Der Zeichner hat die Gestalt der Minerva bzw. Bellona von einem Kupferstich von François Spierre nach einer Vorlage von Ciro Ferri übernommen (Albertina, Römische DG Alte Aufstellung 67, Inv. DG92031), auf dem Minerva auf einem von Löwen in die Lüfte gezogenen Wagen erscheint. Über den Köpfen der Löwen schwebt der Adler dem auf Wolken ruhenden Jupiter zu. Spierre schuf den Stich für einen venezianischen Graf namens Zanobio. Ein zweiter Stich wiederholt die gleiche Darstellung mit einigen Abweichungen in den Details (VAN DER WALL 1987, S. 53, Kat. A 13, I–II). Der Zeichner des Blattes hat die Haltung der Minerva zunächst vom Stich übernommen. Er griff dann aber zum Rötelstift und überarbeitete die mit schwarzer Kreide ausgeführte Zeichnung, indem er dem zuvor angewinkelten Arm eine ausgestreckte Haltung gab. Die Aufwärtsbewegung der Minerva bzw. Bellona steht dabei nicht in Einklang mit dem abwärts gerichteten Lanzenstoß, der gegen den Feind auf dem Boden gerichtet ist. Daraus wird deutlich, dass der Zeichner eine nicht von ihm stammende Idee aufgegriffen und für seine Zwecke adaptiert hat.
Achim Gnann, Heinz Schödl (Hg.), Spurensuche. Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina, Wien 2015.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/328094/entwurf-fur-ein-deckengemalde-pallas-atheneImage Request