Hl. Cäcilie
Antonio da Trento
um 1525-1527
Eingefügt in ein leicht gestrecktes Rund, ist in diesem Clair-obscur die frühchristliche Märtyrerin Cäcilia dargestellt, die seit dem 15. Jahrhundert als Patronin der Musik verehrt wird. Ihr Attribut ist das spezifisch christliche Instrument, die Orgel, die zwei Engel vor ihr derart halten, dass sie darauf spielen kann. Ein dritter Putto bedient den Blasebalg, und von einem vierten ist im Hintergrund ausschnitthaft das Gesicht erkennbar. Das gezeigte Blatt ist ein seltenes Exemplar mit vollem Rand, der häufig abgeschnitten wurde. A. Bartsch kannte überhaupt nur den zweiten Zustand mit dem unten in die Tonplatte geritzten Monogramm des Formschneiders und Verlegers Andrea Andreani, der den Holzschnitt zu Beginn des 17. Jahrhunderts neu herausgegeben hat. Die schrägen weißen Linien wirken, als habe man wie im Falle von Antonios Johannes der Täufer (Albertina, Inv. DG2002/464) beim Druck vier separate Rahmenleisten an die zentrale Darstellung angefügt, doch wurden sie lediglich zur Verzierung in die Tonplatte geschnitten. Als Vorstudien für die Komposition haben sich zwei in schwarzer Kreide ausgeführte gegensinnige Zeichnungen Parmigianinos in Oslo (Nasjonalgalleriet) und in Moskau (Staatliches Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin) erhalten (Popham 1971, Nr. 325, 287, Pl. 125). In diesen ist die Komposition bereits durch ein Rund eingefasst, eine Form, die K. Zeitler an eine Schmuckscheibe erinnert hat. Das Moskauer Blatt (Inv. DG2002/287) stimmt dabei in allen Einzelheiten mit dem Holzschnitt überein und diente als dessen unmittelbare Vorlage. Der Stil dieser Studien mit dem charakteristischen stark bewegten Gewand der Heiligen, das im Licht einen metallischen Glanz entfaltet und dessen scharfkantige Falten sich ineinanderschichten, ist eng mit Parmigianinos Entwürfen für die Gestalt der Circe von ca. 1524 bis 1526 verbunden (Gnann 2007, Kat. 410–412). Die geschwungene Pose und der dreiecksförmige Kopf mit dem stark verkürzten Profil erinnern an die Madonna in Parmigianinos Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien in der Londoner National Gallery, die von den meisten Forschern um 1525 bis 1527 datiert wird (vgl. Gnann 2007, S. 142, Abb. 45). Wenn Parmigianinos Vorlage in dieser Zeit entstand, ist es nicht ausgeschlossen, dass auch der Holzschnitt noch aus der römischen Zeit des Künstlers datiert. Die Zuschreibung des Clair-obscurs von A. Bartsch an Antonio da Trento hat uneingeschränkt Zustimmung gefunden, sieht man etwa von A. E. Popham ab, der die Autorschaft offenlässt. Die Ausführung ist jedoch charakteristisch für den linearen Stil Antonios mit seinen lebendig fließenden Linien, welche dynamisch schwingen, sich krümmen, in wechselnden Abständen zueinander gesetzt sind und sogar Taillen aufweisen. Sie umreißen die Formen scharf, modellieren den Körper aber nicht plastisch heraus, wie es Ugo in seinen Holzschnitten tat. Sie rhythmisieren die Oberfläche und vermitteln eher den optischen Eindruck stark bewegter Figuren, die in das Helldunkel und die Farbe eingebettet sind, sich aber nicht daraus zu lösen und individuell zu entfalten vermögen. Eng verwandt sind beide Circe- Blätter Antonios, die Lesende Sibylle sowie die Madonna mit der Rose (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 71, 72, 74–76). In dem vorliegenden Clair-osbcur beschränkt sich Antonio auf wenige breite, unregelmäßig geschnittene Glanzlichter, die den Farbpartien kontrastreich gegenübergestellt werden und den beschriebenen schillernden Effekt hervorrufen, den die Zeichnungen Parmigianinos gerade in dieser Zeit auszeichnen.
Literatur: Nagler 1835–1852, Bd. 4, 1837, S. 244; Kolloff 1872, S. 726 I; Kolloff 1878, S. 154, Nr. 21 I; Seibt 1891, S. 52; Pittaluga 1930, S. 242; Servolini 1932, S. 60; Zava Boccazzi 1962, S. 58, Nr. 3; Wien 1963, Nr. 120; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 132; Trotter 1974, S. 260f.; Karpinski 1983, S. 129; Gnann 2002, S. 294; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 20 (Text v. D. Graf); Tokio 2005, Kat. 23; Gnann 2007, S. 142, 144, 193, 198; Matile 2003, S. 144, Anm. 333 (Niccolò Vicentino); München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 57 (Text v. K. Zeitler)
