Das Haupt Christi
Sebald Beham
um 1520-1521
Der Clair-obscur-Holzschnitt zeigt in strenger Frontalität das dornengekrönte Haupt Christi, dessen fixierender Blick den Betrachter in Bann zieht und dessen leidende Gesichtszüge zu persönlicher Anteilnahme und Mitgefühl auffordern. Von diesem Andachtsbild geht eine suggestive Kraft aus, die durch das weit überlebensgroße Format noch gesteigert wird. Das Menschliche im Ausdruck des Leidenden wird durch die monumentale Größe verallgemeinert, ihm die Dimension des Göttlichen gegeben. Wenngleich der Hintergrund keine Stofffalten aufweist, erinnert die Darstellung an das vera icon, das der mittelalterlichen Legende zufolge entstanden ist, als Christus auf dem Weg nach Golgatha sein Antlitz dankbar in das Tuch drückte, welches ihm die hl. Veronika zum Abwischen von Blut und Schweiß reichte. Der Legenda aurea (S. 270) zufolge entfaltet dieses Bild bei dem gläubigen Betrachter eine derart starke Wirkung, dass es ihn von Krankheit heilen kann. Der Holzschnitt kommt im ersten Zustand sowohl als reiner Schwarzdruck als auch als Clair-obscur mit brauner Tonplatte vor – dies gewiss, weil das Porträt Christi auf dem sudarium der Veronika stets bräunlich gefärbt ist. Die Lichthöhungen der Tonplatte intensivieren zwar den Helldunkelkontrast und passen sich äußerst geschickt den gerundeten Linien der Strichplatte an, doch schwächt der Zusatz der Farbe eher die Ausstrahlung des Hauptes Christi ab. Das Blatt galt lange Zeit als ein Werk von Albrecht Dürer, eine Zuschreibung, die auch in jüngerer Zeit Zustimmung gefunden hat. Sie basiert nicht zuletzt auf dem Dürer-Monogramm, das dem Holzschnitt im dritten Zustand unterhalb hinzugefügt wurde. Bereits der Nürnberger Maler und Kunsthändler Jakob Hauer (1586–1660) hatte das Blatt jedoch in seinem Verzeichnis der Kupferstiche und Holzschnitte Dürers als ein Werk von Hans Sebald Beham aufgelistet, worin ihm seit W. Seibt und G. Pauli zahlreiche Forscher gefolgt sind. Der aus Nürnberg gebürtige Beham (1500–1550) war Maler und Zeichner, lieferte Entwürfe für Glasgemälde und hinterließ ein großes druckgraphisches Werk, das etwa 1500 Kupferstiche, Radierungen und Holzschnitte umfasst. Er wurde in seiner Jugend stark von Dürer geprägt, und der Einfluss des Meisters ist auch bei diesem Holzschnitt unverkennbar. Zu nennen sind Dürers Darstellungen des Schweißtuchs auf dem 1513 datierten Kupferstich (B. 25), der Randzeichnung im Gebetbuch Kaiser Maximilians von 1515 und einer Federzeichnung in der Albertina (Inv. 3132). Bei Dürer ist das Haupt Christi jedoch schmaler und länglicher, es wölbt sich stärker vor, und auch Haare und Bart erhalten ein überzeugendes Volumen. Die Linien sind zarter und variabler, wechseln zwischen kurzen, druckerhaften und längeren, geschwungenen Strichen. In dem Holzschnitt sind die Linien dagegen von gleichbleibender Stärke, sie verlaufen in kraftvollen Schwüngen, die sich wiederholen und kontinuierlich über das Blatt ausbreiten. In den gekurvten Linien und den sich einrollenden Bart- und Haarlocken ist eine für Dürer undenkbare Tendenz zum Ornamentalen festzustellen, welche das Gesicht zugleich flächig erscheinen lässt. Während Dürer das Haupt des Heilands beseelt und ein Einfühlen in dessen leidvollen Zustand ermöglicht, sind die Gesichtszüge auf dem Holzschnitt überzeichnet, treten fast aggressiv hervor und bannen den Betrachter durch ihre übersteigerte Expressivität. Enge Bezüge bestehen zu zwei Kupferstichen Behams mit dem dornengekrönten Haupt Christi von 1520 (Pauli 1901, Nr. 30, 31). Auf dem einen (Inv. DG1930/880) ist das Antlitz ähnlich starr aufgefasst, und auch die Gestaltung der Haare und des Bartes sowie die schematische Linienführung sind vergleichbar. Auf dem anderen kehrt das Motiv des gespiegelten Fensterkreuzes, das auf den Kreuzestod Christi verweist, in den Pupillen wieder. C. Dodgson hat zudem vor langem auf die verwandten Gesichtszüge des hl. Sebald in dem 1521 datierten Kupferstich Behams hingewiesen (Pauli 1901, Nr. 69). Somit dürfte auch dieser Holzschnitt von 1520/21 stammen.
Literatur: Seibt 1891, S. 32ff.; Pauli 1901, S. 349, Nr. 829b; Dodgson 1903a, S. 457ff., Nr. 101; Dodgson 1903b, S. 194; Röttinger 1926, S. 29f. (Peter Vischer d. Ä.); Geisberg 1930, Nr. 772 (Meister der Celtis-Illustrationen); Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 6–7; Strauss 1973, Nr. 43; Geisberg und Strauss 1974, S. 167; Wien 1992, S. 51 (Text v. C. Geissmar); Bartrum 1995, Nr. 89; Nürnberg 2000, Nr. 70–71 (Albrecht Dürer; Text v. M. Mende); Schoch, Mende, Scherbaum 2002, Nr. A 18 (Text v. M. Mende); Baltimore und Saint Louis 2003, unter Nr. 18 (Text v. S. Dackerman und T. Primeau)
