Beweinung Christi
Andrea Andreani
1593
Rahmenaußenmaß 194,4 × 139,5 × 6 cm
Andrea Andreanis Beweinung Christi ist einer der seltensten Clairobscur- Holzschnitte des Meisters und in den riesigen Ausmaßen auch sein größter (Boorsch 2008–2009, S. 51, Anm. 91). Mit dem von vier Druckstöcken in je vier Platten gedruckten Blatt, das offensichtlich als Ersatz für ein Ölgemälde dienen sollte, kommt der Formschneider an die Grenze des technisch Möglichen des Verfahrens, die später nur noch selten überschritten werden sollte.
Dargestellt ist der vom Kreuz abgenommene und auf die Erde niedergesetzte Leichnam Christi, den Johannes von hinten hält. Gegenüber erscheinen die drei heiligen Frauen, von denen eine die niedergesunkene Muttergottes stützt. Unter einem steinernen Bogen im Hintergrund rechts sind zwei weitere Figuren zu erkennen. Der Riesenholzschnitt gibt seitenverkehrt Alessandro Casolanis nahezu maßgleiche Pietà in SS. Quirico e Giulitta in Siena wieder (Casole d’Elsa und Radicondoli 2002, Nr. 26; Abb. 108). Die Inschrift auf dem Blatt nennt den Domkanoniker Ottavio Preziani, dem Andreani bereits 1587 den Clairosbcur der Eva (B. XII, S. 21, Nr. 1) nach Beccafumis Marmorintarsie im Dom von Siena gewidmet hat. Preziani war 1593 Rektor von SS. Quirico e Giulitta geworden und hatte sogleich die Erneuerung der dekorativen Ausstattung vorangetrieben (A. Bagnoli, in: Siena 1980, S. 72). Noch im gleichen Jahr beauftragte er Casolani mit diesem Gemälde sowie dessen Freund Francesco Vanni mit der Darstellung der Begegnung von Christus und Maria auf dem Weg zum Kalvarienberg (Bagnoli 2002, S. 8). Beide Bilder haben das gleiche Format und wurden offensichtlich als Pendants konzipiert.
Andreani hat auch einen Holzschnitt mit diesem Thema nach einem Entwurf Vannis ausgeführt (Ciampolini 2010, Bd. 3, Abb. S. 968), doch hat dieser Querformat und weicht kompositionell von dessen Gemälde in SS. Quirico e Giulitta ab, sodass vermutlich kein direkter Bezug zu diesem besteht. Es lassen sich kleinere Unterschiede zwischen Casolanis Beweinung Christi und Andreanis Clair-obscur feststellen, auf dem Zange und Hammer fehlen, die im unteren Eck des Bildes sichtbar werden. Ferner fallen der heiligen Frau, die Maria stützt, die Haare offen über die Schulter herab. Andreani erhielt somit wohl von Casolani eine Zeichnung, vermutlich den Karton für das Gemälde, als Vorlage für den Holzschnitt. Die ungemein flüssig verlaufenden Linien der Strichplatte, die transparent und wässrig druckenden Farben der Tonplatten und die Kreuzschraffuren der Lichthöhungen lassen vermuten, dass der Karton mit dem Pinsel in breitflächigen Lavierungen und mit Weißhöhung ausgeführt war. Die Linien im Clair-obscur verlaufen außergewöhnlich frei und fließend, wodurch Andreani die spröde Beschaffenheit des Materials Holz vollkommen vergessen macht. Das ungeübte Auge wird nicht sogleich feststellen, dass anstelle einer großformatigen Zeichnung ein Clair-obscur vorliegt, zumal an manchen Stellen, an denen die Platten nicht exakt übereinander gedruckt sind, die Wirkung von korrigierten Pinsellinien entsteht.
Casolanis Karton hat sich nicht erhalten. Die möglichen Studien zu diesem Bild hat M. Ciampolini (2010, Bd. 1, S. 124) zusammengetragen. A. Weston-Lewis (Mitteilung an den Autor vom 11.9.2012) hat zudem freundlicherweise auf eine Zeichnung in einem Zeichnungsalbum der National Gallery in Schottland hingewiesen (Schottischer Privatbesitz, Dauerleihgabe an das Museum, S. 35), bei der vermutlich eine Kopie nach einer Studie Casolanis für die Muttergottes im Bild vorliegt. Andreani hat den 1593 entstandenen Clairobscur in der Inschrift Vincenzo Gonzaga von Mantua gewidmet. Noch im gleichen Jahr sollte der Formschneider in seine Heimatstadt zurückehren, wo er im Auftrag des Großherzogs den Triumphzug Cäsars nach den berühmten Gemälden von Andrea Mantegna in Clair-obscurs festgehalten hat.
Literatur: Baglione 1649, S. 395; Kolloff 1872, S. 718, Nr. 15; Siena 1980, Nr. 91; Karpinski 2001, S. 40; Bury 2001, S. 213; Boorsch 2008–2009, S. 48, Fig. 10; Ciampolini 2010, Bd. 1, S. 124 108 Alessando Casolani, Pietà
