Tempelruine mit der Statue eines gefangenen Barbarenfürsten
Hubert Robert
um 1780
Zwei Motive der römischen Vergangenheit sind hier zu einem pittoresken Architekturcapriccio kombiniert: Die verfallene, bereits von der Natur überwachsene Architektur erinnert – vor allem durch das markante Fragment des Kranzgesimses – an den Tempel des Vespasian auf dem Forum Romanum. Die Statue des gefangenen Barbarenfürsten geht auf römische Vorbilder zurück. Die Spannung zwischen antikem Monument und Alltäglichkeit wird durch die in die Ruine integrierte Holzscheune mit zwei Arbeitern und die zentrale, die Statue betrachtende Personengruppe erzeugt. Durch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Figuren in den ruinösen Gebäuden aufhalten bzw. durch ihre reflektierende Gegenüberstellung, wird die Szene inhaltlich belebt.
In diesem Blatt finden sich zwei Motive der römischen Vergangenheit zu einem pittoresken Bildensemble kombiniert: Die verfallene, bereits von der Natur überwachsene Architektur erinnert – vor allem durch das markante Fragment des Kranzgesimses – an den Tempel des Vespasian auf dem Forum Romanum. Robert hat das eigentliche Aussehen des nur mehr aus drei korinthischen Säulen, Architrav- und Friesresten sowie dem charakteristischen Gebälkstück bestehenden Baus 1762 in drei Rötelzeichnungen aus verschiedenen Blickwinkeln festgehalten (siehe dazu Paris, Washington 2016, Kat. 51), bevor in der Zeichnung der Albertina Wirklichkeit und künstlerische Erfindungsgabe phantasievoll miteinander verschmelzen. Die Spannung zwischen antikem Monument und Alltäglichkeit, zwischen Geschichte und Gegenwart, wird in dieser Darstellung durch die in die Tempelruine integrierte Holzscheune mit zwei Arbeitern und der zentralen, in den Anblick der Statue eines gefangenen Barbarenfürsten versunkenen Personengruppe erzeugt. Durch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Figuren in antiken ruinösen Gebäuden aufhalten bzw. durch ihre reflektierende Gegenüberstellung, wird die Szene belebt und ein inhaltlicher Bezug zwischen ruinöser Architektur und Staffage hergestellt. Mit der Wiedergabe der Statue des gefangenen Barbarenfürsten griff Robert auf römische Vorbilder zurück, wie sie in den Kapitolinischen Museen in Rom, im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel oder im Louvre in Paris zu sehen sind. Dieses Motiv kommt in Roberts Werk häufig vor, z. B. in einer weiteren Zeichnung der Albertina (Ruinenlandschaft mit Wäscherinnen, Inv. 12429), oder einer Rötelskizze im Musée de Valence (Abb. in: Beau 1968, Abb. 64 a). Wie prägend und vorbildhaft die Architekturcapriccios von Giovanni Paolo Pannini für Robert offensichtlich zeitlebens waren, zeigt ein interessanter Vergleich mit dem 1749 datierten Ölbild Römische Ruinen mit Resten des Vespasianstempels und einem predigenden Apostel (Rom, Galleria dell´Accademia di San Luca), das nicht nur die gleiche Komposition mit Tempel des Vespasian links, ebenfalls einer Statue rechts und einer Figurengruppe, hier einer Predigt lauschend, bei Robert die Statue bewundernd, aufweist. Robert pflegte von seinen Zeichnungen häufig Kopien anzufertigen, entweder weil ein Motiv besonders beliebt war, wie z. B. die Ansicht der Villa Madama (Inv.12431) oder einfach als Erinnerung für sich selbst, um eventuell später je nach Bedarf davon Gebrauch machen zu können. Roberts Wiederholungen basieren größtenteils auf einem Gegendruck seiner Rötelstudien oder seiner Vorzeichnungen in schwarzer Kreide, bevor diese mit Feder und Pinsel final überarbeitet wurden (vgl. dazu Catala in: Besançon 2013/14, S. 19–23). Von der aquarellierten Federzeichnung der Albertina existiert ebenfalls eine bis ins kleinste Detail idente, jedoch farblich reduzierte Replik in Privatbesitz (Abb. in: Paris, Washington 2016, S. 64, Fig. 24). Was die zeitliche Abfolge bzw. Einordnung der zwei Blätter betrifft, können die beiden unleserlichen Beschriftungen auf dem linken Felsen nicht schlüssig weiterhelfen. Ein Vergleich mit den 1760 datierten und mit zart nuancierten Pinselstrichen spielerisch leicht gezeichneten Ansichten der Villa Madama (Inv. 12431) und der Villa Sacchetti (Inv.12432) zeigt, dass in dem hier besprochenen Blatt eine straffere kompaktere Zeichenweise und eine kräftigere Farbgebung vorherrschen, wodurch eine größere malerische Wirkung und ein einem Gemälde gleichwertiger Eindruck erzielt wird. Die aquarellierte Federzeichnung dürfte zu den zahlreichen Architekturcapriccios gehören, die nach 1765, erst nach Roberts Rückkehr nach Paris, hauptsächlich für private Sammler entstanden. Die zwar bunte, aber insgesamt doch etwas kühl wirkende, schon dem Klassizismus zugeneigte Farbigkeit weist aber eher auf eine spätere Datierung, etwa Ende der 1770er- oder Beginn der 1780er-Jahre, hin.
Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer (Hg.), Von Poussin bis David, Wien, Albertina, 2017, S. 124, Nr. 48.
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