Zwei Mädchen
Louis-Léopold Boilly
um 1795-1810
Die Albertina besitzt zwei Pastelle (Inv. 12592 und Inv. 14910) von Boilly, der zu den gefragtesten Genre- und Porträtmalern seiner Zeit gehörte. Die Zahl seiner zumeist kleinformatigen Porträts wird auf ca. 5000, die seiner Genredarstellungen auf etwa 500 geschätzt. Obwohl ein Höhepunkt seines Schaffens in die Zeit der Französischen Revolution fällt, hat er nicht wie #David die aktuellen politischen Geschehnisse in Historienmalerei umgesetzt, sondern bevorzugte Szenen aus dem alltäglichen Leben. Seine zwischen 1790 und 1800 entstandenen Arbeiten mit zumeist lieblich-sentimentalen, moralisierenden oder versteckt erotischen Sujets zeigen den Einfluss von #Jean-Honoré Fragonard und #Jean-Baptiste Greuze, während seine sensibel differenzierte Oberflächengestaltung und subtil-nuancierte, delikate Kolorierung an holländische Genremalerei des 17. Jahrhunderts wie #Gerard Terborch, #Pieter de Hooch oder #Gabriel Metsu erinnern, von denen Boilly zudem einige Werke besessen hatte. Zweideutige Sittenschilderungen, wie vor allem das Gemälde "Le couple et l´oiseau privé" (Paris, Musée du Louvre) brachten ihm jedoch 1794 eine Verurteilung durch das Comité du Salut public mit der Begründung, Sujets zu malen "d´une obscénité révoltante pour les moeurs républicaines" (The Dictionary of Art, Bd. 4, 1996, S. 241). Um diese Anschuldigungen zu entkräften, malte er im selben Jahr "Le Triumph de Marat" (Lille, Musée des Beaux-Arts), in dem aber weniger #Marat als die Volksmenge im Mittelpunkt steht. Vielfigurige Straßenszenen dürften ihn besonders interessiert haben, da sie - vor allem nach 1800 - in seinem Œuvre häufig vorkommen. Ebenso gerne malte und zeichnete Boilly Gruppenporträts, zu denen auch die beiden bildhaft aufgefassten Pastelle der Albertina gehören. Der Mode nach zu schließen, sind sie zwischen ca. 1795 und 1810 entstanden. Denkbar wäre auch, dass es sich bei den Dargestellten um Kinder von Boilly handelt - er hatte zehn, von denen fünf das Kindesalter überlebten. Etliche Beispiele wie z.B. "Mes petits soldats" (1809; Douai, Musée de la Chatreuse) belegen, dass er sie häufig als Modelle verwendet hat.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 28, Nr. 7.
