Jacques-Louis David, Horatius tötet seine Schwester Camilla, Inv. Nr.: 12676
Horatius tötet seine Schwester Camilla
Jacques-Louis David, Horatius tötet seine Schwester Camilla, Inv. Nr.: 12676
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Horatius tötet seine Schwester Camilla

Jacques-Louis David

1781




Künstler:in (Paris 1748 - 1825 Brüssel)
Date1781
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder, Pinsel in Schwarz, grau laviert, schwarze Kreide
Dimensions27,5 x 38,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number12676
Signedl.u. in schwarzer Kreide, kaum mehr lesbar: "L. David fecit / 1781."
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Die 1781 datierte Zeichnung zeigt Davids erste Fassung für die Geschichte der Horatier: Drillingsbrüder aus dem römischen Patriziergeschlecht der Horatier sollten durch Kampf gegen ebenfalls Drillingsbrüder der Curiatier den Krieg um die Stadt Alba longa entscheiden. Nachdem bereits zwei Horatier gefallen waren, gelang es dem letzten durch eine List die verwundeten Gegner zu töten. Bei der triumphalen Rückkehr des Siegers bricht Camilla, seine Schwester und Verlobte eines der Curiatier in Wehgeschrei aus und wird von ihm im Zorn getötet. Wegen Mordes zum Tode verurteilt, appelliert sein Vater an das Volk, das das Urteil aufhebt (nach Titus Livius, Ab urbe condita, Liber I, 24-26).
Das Blatt der Albertina steht am Beginn von Davids Beschäftigung mit diesem Thema, die in seinem berühmtesten, 1784/85 in Rom gemalten Bild "Der Schwur der Horatier" (Paris, Musée du Louvre) ihren bildwirksamsten und bahnbrechenden Höhepunkt und Abschluss findet. Es entstand im Auftrag des Königs und gehörte programmatisch zu jenen von #Graf d´ Angiviller, Direktor der königlichen Bauten für den Salon bestellten Historienbildern, die "die Tugend und die vaterländischen Gefühle neu beleben" (zit. nach Schnapper 1980, S. 64) sollten. Die Historienmalerei galt seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich als "grand goût" und wurde von Akademie und Kritik als höchste Kunstgattung protegiert. Davids "Schwur der Horatier" entfachte einen Sturm der Begeisterung, da es in höchstem Maße den Zielvorstellungen der offiziellen Kunstpolitik entsprach, die die Rolle der Kunst vornehmlich darin sah, zu erbauen und gleichzeitig die sittliche Erneuerung zu fördern. Erwünscht waren vor allem Themen aus der Antike, die im Betrachter ein Gefühl für Patriotismus, Ehre, Moral oder Heldentum auszulösen vermögen. Davids Gemälde entsprach nicht nur inhaltlich, sondern auch formal und stilistisch den klassizistischen Maximen in vollendeter Weise. Die statische Ruhe der Komposition, voll gefesselter innerer Kraft, der Farbe und Bewegung vollkommen untergeordnet sind, und vor allem die betont klare, akzentuierte Linie, gleichsam Ausdruck für Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Moral, erhoben Davids Schöpfung zum Manifest, zum "Musterbeispiel der neoklassischen und neopoussinisten Kunst" (Friedländer 1930/1977, S. 30).
David, der den Auftrag oder zumindest die Zusage für dieses Gemälde schon 1780 erhalten haben dürfte, dachte, wie aus der Albertina-Studie ersichtlich, offenbar vorerst daran, jene Stelle aus der "Römischen Geschichte" des Livius wiederzugeben, in der der im Triumphzug heimkehrende Horatier seine Schwester Camilla tötet: "Voraus ging der Horatier die drei Beuterüstungen tragend. Da begegnete ihm vor dem Capenischen Tor seine jungfräuliche Schwester, die einem der Curiatier versprochen war, und erkannte das Gewand auf den Schultern ihres Bruders, weil sie es selbst genäht hatte; sie löst ihre Haare und ruft klagend den Namen des toten Verlobten. Den ungestümen jungen Mann regt das Wehklagen der Schwester bei seinem Sieg und bei so großer allgemeiner Freude auf. Er zieht also das Schwert und durchbohrt das Mädchen, indem er sie noch mit den Worten schmäht: ... weil du deiner toten Brüder und des lebenden vergessen, vergessen des Vaterlands! So soll jede Römerin dahinfahren, die um einen Feind trauern wird" (Liber I, XXVI, 2-4).
Fungiert Livius als Spiritus rector der Darstellung, so weist die Zeichnung stilistisch und motivisch wie z.B. in Haltung und Gestik der Figuren wie vor allem dem Architekturpasticcio des Hintergrundes starke Anklänge an #Poussin auf. In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Blatt der Albertina entstanden noch zwei weitere, unvollendete Studien, eine sogar in derselben Technik (Privatbesitz; AK Paris 1989/90, S. 164 und bei Nr. 52), die leichte Variationen zu der Hauptgruppe Horatius und Camilla erkennen lassen. Die Rückseite einer Studie zum "Tod des Sokrates" (Privatbesitz; AK Paris 1989/90, Nr. 76, Abb.) zeigt die tote Camilla noch nicht isoliert liegend wie in der Albertina-Zeichnung, sondern eine zweite weibliche, über sie gebeugte Figur. Einer Erwähnung #Wilhelm Tischbeins (Aus meinem Leben, hg. von C. G. W. Schiller, Bd. 1, Braunschweig 1861, S. 46) zufolge dürfte auch noch eine gemalte Skizze existiert haben. #Anne-Louis Girodet griff dann Thema und Komposition in seinem 1785 entstandenen Gemälde "Der Tod Camillas" in enger Anlehnung wieder auf (Montargis, Musée Girodet; Abb. in: AK Le Petit Couronne 1987, S. 97, Nr. 87).
1781 war David in erster Linie mit dem Gemälde des "Belisar" (Lille, Musée des Beaux-Arts) beschäftigt. Es erstaunt daher nicht, dass zwischen dem "Belisar" und der Zeichnung der Albertina einige Parallelen bestehen, wie z.B. die überraschte Haltung des Soldaten mit erhobenen Händen, wie sie auch der alter Horatier zeigt, oder der in beiden Kompositionen anzutreffende, schräg hinter den Säulen emporwachsende Baum.
David unterbrach zunächst seine Arbeit an dem Horatier-Thema, um sich ganz dem Gemälde "Andromache beweint den toten Hektor" (Paris, École des Beaux-Arts, als Leihgabe im Musée du Louvre) widmen zu können. 1782 beschäftigt er sich erneut mit diesem Projekt, vermutlich inspiriert durch die Aufführung von #Corneilles "Horace" im Théâtre des Comédiens ordinaires du Roi, Faubourg Saint-Germain (AK Le Petit Couronne 1987, S. 90). Wenn man den Ausführungen von Alexandre Péron glauben schenken darf, beeindruckte David vor allem die dritte Szene des letzten Aktes, in der Horatius, zum Tode verurteilt, von seinem Vater vor dem Volk verteidigt wird. Seine bildliche Umsetzung liegt in der Zeichnung des Louvre vor (AK Paris 1989/90, Nr. 53, Abb.), die in Technik, Stil und Architekturdetails der Albertina-Studie nahe verwandt ist. Neben dieser Fassung, für die David schließlich von d´Angiviller den offiziellen Auftrag für den Salon 1783 erhielt, dürfte er sich bereits mit einer neuen Episode, dem "Schwur der Horatier" beschäftigt haben, die weder bei Livius noch bei Corneille in dieser Form, dafür aber z.B. in der "Histoire romaine depuis la fondation de Rome jusqu´à la bataille d´Actium" von #Rollin (Paris 1769, 16 Bde) vorkommt. David entschloss sich letztlich doch den "Schwur" offiziell als Gemälde auszuführen, dessen erhabener, patriotischer Inhalt - der alte Vater Horatius versammelt seine Drillingssöhne in seinem Haus und lässt sie schwören, für Rom zu siegen oder zu sterben - sowie die feierliche Theatralik seinen Intentionen von rationaler Klarheit und strengem übersichtlichem Bildaufbau entgegengekommen sein dürfte.

 

zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 156, Nr. 69.

Catalogue raisonné
  • Rosenberg, Prat 2002, Nr.48
  • Ekelhart 2007, Nr. 69
  • Bibliography
  • Calvet 1968, S. 37, S. 41, Anm. 6, Taf. 23
  • AK London 1972, Nr. 551 und unter Nr. 62
  • S. Howard, Sacrifice of the Hero: the roman years, a classical frieze by Jacques-Louis David, Sacramento 1975, S. 87 (Abb.)
  • Kaposy 1979, S. 97, Abb. 72
  • Philippe Bordes, Le Serment du Jeu du Paume, Propaganda without a cause?, in: Oxford Art Journal, III/2, Oct. 1980, S. 39
  • Anita Brookner, Jacques-Louis David, London 1980, S. 74, Abb.
  • Schnapper 1980, S. 71
  • E. Stolpe, Klassizismus und Krieg. Über den Historienmaler J.L. David, Frankfurt/New York 1985, S. 59, 108, 178, Abb.
  • AK Le Petit Couronne 1987, Nr. 83 und S. 89, Anm. 5
  • AK Paris 1989/90, Nr. 52 und unter Nr. 67, S. 164
  • AK Rom 1998, Nr. 125
  • AK La Dernière Nuit de Troie, Angers, Musée des Beaux-Arts, 2012, Nr.19, Abb. S.102
  • Perrin Stein (Hg.), Jacques Louis David. Radical Draftsman (Ausst. Kat. The Metropolitan Museum of Art, New York), London/New Haven 2022, S. 114-118, Kat. 20 (Juliette Trey)
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33307/horatius-totet-seine-schwester-camillaImage Request
    Last edited31.05.2022

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