Die Tugend bedrängt von Liebe, Irrtum, Unwissenheit und Meinung
Andrea Andreani
1585
Gemäß der Inschrift auf dem linken unteren Block hat Jacopo Ligozzi nicht nur die Idee zu dieser Komposition geliefert, sondern diese auch in einem Gemälde festgehalten. In der Tat schuf Ligozzi im Auftrag von Francesco I. de’ Medici ein Bild mit dieser Darstellung (Wien 2013, Abb. 101). Dieses ist in dem Inventar des Großherzogs verzeichnet (Hirschboek 2010, S. 15), wird 1767 anlässlich seiner Aufstellung in SS. Annunziata in Florenz als Leihgabe des Grafen Agnolo Galli Tassi erwähnt und befindet sich heute im Besitz von Jean-Luc Baroni in London. Das Gemälde war jedoch nicht unmittelbare Vorlage für den gegensinnigen und in den Details abweichenden Clair-obscur- Holzschnitt. Eine verlorene Zeichnung Ligozzis, die sich einstmals in der Sammlung Praun in Nürnberg befand und die in einem anonymen Kupferstich des 16. Jahrhunderts und einer Aquatinta von Maria Katharina Prestel von 1777 gegenseitig reproduziert wurde (Hirschboek 2010, Fig. 2–3), diente ebensowenig als Vorlage, da auf dieser die Szene auf Wolken wiedergegeben war. Der Entwurf für den Clair-obscur ist somit verloren. Die Darstellung ist eine für die manieristische Zeit typische ausgeklügelte Allegorie. Im ersten Zustand des Clair-obscur-Holzschnitts befindet sich auf dem rechten Block eine Inschrift, die auf dem Konzept eines Wortspiels mit den fünf Vokalen basiert. Die Darstellung nimmt in der Mitte Virtù ein, die entsprechend der Beschreibung von Cesare Ripa in der Iconologia von 1593 (S. 470f.) als schöne und graziöse junge Frau erscheint. Zu ihren Füßen liegen Schwert, Szepter, Waagschale und Buch als Sinnbilder für die Herrschertugenden Stärke, Gerechtigkeit und Bildung. Die Tugend wird gefesselt von dem fliegenden Amorknaben, dessen Augen ebenso verbunden sind wie bei der Gestalt des Errore auf der rechten Seite. Die Binde ist das Zeichen des Irrtums. Auf dem Boden liegt eine Frauengestalt mit Ohren eines Esels, den Ripa (S. 181) in Zusammenhang mit der Ignoranza (Unwissenheit) nennt. Die alte Gestalt auf der linken Seite wäre dann Opinione, die laut Ripa Flügel trägt. Diese sind Symbole für die Schnelligkeit, mit der Meinungen gebildet und sogleich wieder verworfen werden (Ripa, S. 326). Es sind Flügel einer Fledermaus, die Ripa (S. 180) allerdings als Attribut der Ignoranza aufführt, und auch die Inschrift auf dem Stich nach der verlorenen Zeichnung Ligozzis bezeichnet diese Figur als Ignoranza. Die genaue Identifikation der Gestalten der Opinione und Ignoranza, die laut Ripa eng miteinander verbunden sind, ist somit nicht ganz eindeutig. W. Stechow hat in seiner faszinierenden ikonographischen Deutung der Darstellung darauf hingewiesen, dass die fünf Vokale A, E, I, O, U auf den Wahlspruch »Austria Est Imperare Orbi Universo« anspielen, der seit den Tagen Kaiser Friedrichs III. als Motto der Habsburger verwendet wurde. Die Widmung des Blattes an Francesco I. de’ Medici in Zusammenhang mit der Verwendung der Habsburger Devise gaben Stechow Anlass zu der Vermutung, die Allegorie spiele auf sarkastische Weise auf die getrübten Beziehungen zwischen dem Großherzog und der österreichischen Dynastie an. Spannungen waren entstanden, weil Francesco I. trotz der Heirat mit Johanna von Österreich weiterhin ein Verhältnis mit Bianca Cappello gehabt hatte. Nach dem Tod der österreichischen Prinzessin 1578 wurde Bianca Cappello Großherzogin, wodurch Francescos Ansehen am Hofe der Habsburger merklich Schaden nahm. Laut Stechow habe sich Ligozzi durch diese subtile Anspielung das Wohlwollen und die Gunst des Großherzogs und seiner neuen Frau Bianca, die er als Gestalt der Tugend im Holzschnitt auftreten lässt, sichern wollen. Auf dem vorliegenden Abzug fehlt die Inschrift auf dem Block in der rechten Ecke, die das Wortspiel mit den fünf Vokalen aufweist und welche die Entschlüsselung für den Darstellungsinhalt dieser raffinierten Allegorie liefert (vgl. Albertina. Inv. DG2002/611). E. Kolloff hält diese für den ersten Zustand, was jedoch auszuschließen ist. Die beiden Blöcke am unteren Rand sind als Pendants konzipiert, und ohne die Aufschrift bleibt auf dem rechten Block eine leeres Feld. Das vorliegende Exemplar repräsentiert somit den zweiten Zustand.
In der Albertina befinden sich jeweils ein weiteres Exemplar des ersten (Albertina, Inv. DG957) und des zweiten Zustands (Albertina, Inv. DG958)
Literatur: Kolloff 1872, S. 720, Nr. 25 II.; Seib 1891, S. 57; Servolini 1932, S. 104; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 61–62; Stechow 1967, S. 193ff.; Franklin 1977, S. 30; Karpinski 1983, S. 215; Poppi 1992, S. 23; Rom, Weimar und München 2001–2003, Kat. 38 (Text v. D. Graf); Matile 2003, S. 166; Van Gastel 2007, S. 26; Hirschboek 2010, S. 6ff.
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