Niccolò Boldrini, Marcus Curtius zu Pferd, Inv. Nr.: DG1152
Marcus Curtius zu Pferd
Niccolò Boldrini, Marcus Curtius zu Pferd, Inv. Nr.: DG1152
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Marcus Curtius zu Pferd

Niccolò Boldrini

2. Drittel 16. Jahrhundert




Künstler:in (Vicenza ca. 1500 - (nach) 1566 Venedig)
Date2. Drittel 16. Jahrhundert
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt (ohne Tonplatte)
DimensionsBlatt: 38,7 x 25,3 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1152
Text

Der in kühner Verkürzung gezeigte wegsprengende Reiter stellt den römischen Soldaten Marcus Curtius dar, der sich gemäß einer Sage im Jahre 362 v. Chr. in einen Felsspalt inmitten des Forum Romanums gestürzt hatte, um sich durch diese Tat für sein Volk zu opfern. Das Bild gibt getreu ein Fassadenfresko von Pordenone am Palazzo d’Anna in Venedig wieder, das bereits Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. V, 1880, S. 115) beschrieben und besonders den »curzio a cavallo, in iscorto, che pare tutto tondo e di rilievo« (den in Verkürzung gezeigten, rundplastisch und reliefartig erscheinenden Marcus Curtius zu Pferd) gelobt hatte. Das Aussehen dieser verlorenen, um 1530 bis 1535 datierbaren Malerei überliefert eine Nachzeichnung im Victoria and Albert Museum in London, der zufolge die monumentale Szene auf der rechten Seite der Fassade erschien (Cohen 1996, Bd. 2, Nr. 79).

Seine vollständige Wirkung entfaltet dieser Holzschnitt nur zusammen mit der Tonplatte (siehe Albertina, Inv. DG2002/353, HB 29.(1)1, S. 18). In ihren Hauptzügen ist die Komposition zwar bereits in der Linienplatte festgelegt; die Darstellung bedarf jedoch einer Vervollständigung durch die Farbe der Tonplatten und der Lichthöhungen. 

Im British Museum hat sich ein Exemplar des früheren Zustands erhalten (Washington, Dallas und Detroit 1976– 1977, Fig. VII-2), in dem die Häuserfront am Boden durch eine waagerechte Linie begrenzt wird, die in den Blättern der Albertina fehlt.  dem Blatt der Albertina fehlt. (). Das Blatt im British Museum überliefert somit den ersten und zwei Holzschnitte der Albertina den zweiten (HB 29.(1)1, S. 18) und dritten Zustand (Inv. DG2002/353), die sich durch den Einsatz der Tonplatte unterscheiden. Ferner existiert im British Museum ein in drei Platten gedruckter Clair-obscur-Holzschnitt nach dem Marcus Curtius mit der Aufschrift »PORDENONE INVT«, der neuerdings Niccolò Vicentino zugeschrieben wird (London 1983, P 36). Er diente aber nicht als Vorlage für den hier besprochenen Clair-obscur-Holzschnitt, der in manchen Einzelheiten abweichend und detaillierter ausgeführt ist. Während A. Bartsch diesen für das Werk eines anonymen Formschneiders hielt, hat ihn C. Le Blanc Niccolò Boldrini zugeschrieben, was auch von D. Rosand und M. Muraro (Washington, Dallas und Detroit 1976– 1977) und D. Landau (London 1983, P 37) befürwortet wurde. In dem von Boldrini signierten Reiter nach Pordenone (Albertina, inv. dg2002/351) ist die Linienführung kraftvoller und dynamischer, was aber daran liegen kann, dass der Formschneider gewiss eine andere Vorlage benutzt hat, vielleicht eine abweichende Vorzeichnung für das Fresko. Möglicherweise sind die beiden Clair-obscurs auch zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Das Strichbild Marcus Curtius mit den in gleichen Abständen gesetzen Linien, den gespannten Kurven zur Herausmodellierung der gerundeten Körperpartien sowie den in Schattenpartien verwendeten Kreuzschraffuren zeigt deutliche Bezüge zu dem Blatt Venus und Amor (Albertina inv. dg2002/331) und den anderen besprochenen Clair-obscurs. Die Art, wie durch eine Abfolge von kurzen schrägen Linien die Verkürzung der Mauerflächen angedeutet wird, findet sich etwa auch in dem hier Boldrini zugeschriebenen Tempelgang Mariens (Albertina inv. dg2002/333).

Literatur: Reichel 1926, S. 38f., S. 61 (unbekannter italienischer Formschneider des 16. Jahrhunderts); Wien 1966, Nr. 212 (anonymer Meister des 16. Jahrhunderts); Washington, Dallas und Detroit 1976–1977, Nr. 74; Karpinski 1983, S. 255

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.151.19
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 370-371

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    Last edited10.07.2015