Wie schon bei Triumphzug und Theuerdank (Inv. 25205 - Inv. 25263 und Albertina, Inv. Cim. II/3) konzipierte der Kaiser auch diesen Text, den sein Privatsekretär Marx Treitzsaurwein ausarbeitete; darauf folgte die Arbeit am »Fragbuch« (1515; Wien, ÖNB, Cod. 3034), in dem der Kaiser auf Fragen seines Sekretärs antwortete sowie Korrekturen und Verbesserungen am Text und an den Holzschnitt-Illustrationen diktierte. Der Weißkunig sollte von Johann Schönsperger unter der Aufsicht Konrad Peutingers in Augsburg gedruckt werden. Hans Burgkmair d. Ä. (118 Holzschnitte, die meisten mit seinen Initialen »HB« monogrammiert) und Leonhard Beck (127 Holzschnitte) waren die Entwerfer eines Großteils der insgesamt 251 Holzschnitt-Illustrationen. Mit weiteren Bildern wurden Hans Schäufelein und Hans Springinklee betraut. Die meisten Druckstöcke wurden in der Zeit zwischen 1514 und 1516 geschnitten und sind mitsamt elf Bänden mit Probeabzügen erhalten geblieben. Treitzsaurweins Entwurf zur Buchgestaltung (Wien, ÖNB, Cod. 3032) und einige Probeseiten, die Holzschnitte und Schriftsatz kombinieren, machen deutlich, dass Bild und Text zwar in engem Bezug stehen sollten, wobei der Illustration aber mehr Bedeutung zugestanden wurde als im Theuerdank.
Der Weißkunig orientiert sich, ähnlich dem Theuerdank, an mittelalterlichen Vorbildern, etwa Heldenbüchern, aus denen sich auch die allegorisch verschlüsselten Decknamen für die königlichen Herrscher, die in seinen Erzählungen auftreten, herleiten. Im Text werden sie durch Farbattribute (etwa »weiß«, hier aber auch als »weise« zu verstehen) oder heraldische Zeichen (Fisch, Schwan etc.) unterschieden. Die Erzählung des Weißkunig besteht aus drei Teilen: Der erste Abschnitt erzählt die Lebensgeschichte von Maximilians Vater, Kaiser Friedrich III., dem »alten weißen König«. Dieser Erzählung folgt in einer zweiten Bild-und Textfolge der Bericht über Geburt, Kindheit, Jugend und Ausbildung des »jungen weißen Königs«, also Maximilians. Diese größtenteils von Burgkmair d. Ä. illustrierten Episoden zeigen den späteren Kaiser als einen universal gebildeten Menschen von großer Gewandtheit und rascher Auffassungsgabe. Seine Fertigkeiten reichen vom Praktischen (Jagen, Kämpfen, Waffenschmieden und Harnischmeisterei sowie Münzprägung) bis zum Kulturell-Feinsinnigen (Musik, Sprachen, Kunst, sogar Kochkunst). Viele seiner Begabungen stehen im Einklang mit den Grundbegriffen der Hofkultur, wie sie zuerst im Triumphzug dargestellt wurden und wie sie auch in der Ehrenpforte (Inv. DG1935/973) erscheinen, nämlich auf den von Albrecht Altdorfer entworfenen seitlichen Türmen. Am Ende jeder Lektion, so erklärt der Text, habe der »weiße König« seine Lehrer in einem so hohen Maße übertroffen, dass seine Talente und Erfahrungen ihn zu einem idealen Herrscher in jedem Bereich machten. So führt zum Beispiel Burgkmair in dem Holzschnitt, der die Förderung der Künste durch den Kaiser veranschaulicht, ein Atelier vor, in dem der Maler Besuch vom Monarchen erhält. Dieser sei gekommen, um nicht nur das im Entstehen begriffene Werk auf der Staffelei zu begutachten, sondern dabei auch inspirierend auf den Künstler einzuwirken; in seiner Darstellung hat Burgkmair zugleich Porträts von sich und dem Souverän geschaffen (Abb. S. 90 = Kat. 74, fol 21). Der dritte und letzte Teil des Weißkunig widmet sich einer Reihe von Maximilians Interessen, Fertigkeiten und Taten, die seine Regierungszeit auszeichneten, von seiner Heirat im Jahr 1477 bis zu seinen Kriegen. Mit dem Jahr 1513 bricht die Erzählung jedoch ab, und das Gesamtwerk blieb durch den Tod des Kaisers unvollendet und wurde erst 1775 publiziert.
Die Bilder des Weißkunig handeln von Krieg und Frieden, verfolgen meist aber nur nationale Interessen. Wegen ihres einseitigen Blickwinkels bleibt der dokumentarische Wert dieser Bilder für das Verständnis von Maximilians Regierung also begrenzt. Etliche Szenen behandeln diplomatische Beziehungen zwischen Königen aus verschiedenen Erdteilen, die einander treffen, um Allianzen zu schmieden oder Verträge zu schließen.
Zahlreiche Schlachtenszenen zeigen kämpfende Kavallerie und Infanterie und ein stetig wiederkehrendes Arsenal von Belagerungskanonen. Maximilians eigene handschriftliche Notizen offenbaren, dass der Kaiser die zahlreichen Darstellungen hinsichtlich ihrer Detailgenauigkeit sorgfältig überprüft hat. Die kaiserlichen Truppen sind stets durch die Embleme des Ordens vom Goldenen Vlies gekennzeichnet, nämlich das Banner mit Andreaskreuz sowie Feuerstahl und -funken, oder auch durch eine Fahne mit zwei sich kreuzenden Ästen. Beide Feldzeichen wurden einstmals von den burgundischen Truppen verwendet. Oft bilden Stadttore oder zerstörte Befestigungsmauern den Hintergrund für ein feindliches Aufeinandertreffen in einem regelrechten Wald von Piken und Lanzen. Vergleichbare Schlachtenszenen sind bereits in den »historischen« Holzschnitten zu finden, die über den Portalen der Ehrenpforte Platz fanden.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, S. 288.