Antonio da Trento, Mucius Scaevola, Inv. Nr.: DG1155
Mucius Scaevola
Antonio da Trento, Mucius Scaevola, Inv. Nr.: DG1155
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Mucius Scaevola

Antonio da Trento

um 1525-1527




Künstler:in (Italien, um 1500 - 1550 (?))
Nach (Parma 1503 - 1540 Casalmaggiore)
Dateum 1525-1527
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in zwei Platten
DimensionsBlatt: 10,7 x 15,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1155
Text

Eine Legende aus der Frühgeschichte Roms überliefert, dass Mucius Scaevola während der Belagerung der Stadt durch den Etruskerkönig Porsenna in das feindliche Lager eingedrungen sei und versucht habe, den König zu töten. Nach seiner Ergreifung hielt er vor den Augen Porsennas die Hand ins Feuer, ohne sich von den Schmerzen beeindrucken zu lassen. Der erstaunte König gab ihm daraufhin die Freiheit zurück und brach die Belagerung Roms ab. Der querformatige Holzschnitt von Antonio da Trento illustriert das zentrale Ereignis der Legende, wobei die Figuren auf der linken Seite nachdrücklich auf die Tat des standhaften Helden weisen. Das Blatt gehört zu einer Gruppe von Darstellungen der Mythologie, der antiken Legenden und von Allegorien nach Erfindungen von Parmigianino, die durch Vorzeichnungen des Künstlers und Kopien nach heute verlorenen Blättern bekannt sind (vgl. Popham 1971, S. 17f., Pl. 175–183). A. E. Popham nannte sie Metallstiftserie, da sie zumeist mit Metallstift und Weißhöhung auf gelblich präparierten Karten in einer durchschnittlichen Größe von 10,5 x 7,5 cm ausgeführt sind. Die wichtigsten dieser kleinen Bilder überliefern zehn gleichseitige Holzschnitte Antonio da Trentos, zu denen das hier gezeigte Blatt gehört sowie zehn spiegelbildliche Radierungen des Meisters F. P. (B. XVI, S. 23ff., Nr. 14–23). Wie bei der Serie Christus und die zwölf Apostel verwendeten die beiden Graphiker dieselbe Vorlage unabhängig voneinander (B. XII, S. 69ff., Nr. 1-12). Der Meister F. P. reproduzierte aber zum Teil andere Darstellungen und gibt sie einzeln wieder, wohingegen Antonio in drei Holzschnitten jeweils zwei Vorzeichnungen zu Paaren zusammenfügte (Kat. 78 und B. XII, S. 113, Nr. 10, S. 138, Nr. 16), die erst dadurch ein sinnvolles Ganzes ergeben (Gnann 2007, S. 194ff.). So dienten als Vorlagen für die Mucius-Scaevola-Szene ein Blatt in der École des beaux-arts in Paris und eines in Chatsworth (Paris, Rouen und Ajaccio 2011–2012, Kat. 12; Gnann 2007, Kat. 422). Da in dieser Komposition einzelne Bildelemente auf beide Zeichnungen übergreifen, plante Parmigianino gewiss von Beginn an ihre Kombinierung. Nicht alle Szenen sind jedoch als Paare konzipiert. Bei der Auswahl der Themen in dieser Serie mit allegorischen und mythologischen Darstellungen ist kein strenges Programm festzustellen, wenngleich unsere Kenntnis unvollständig sein mag, da Parmigianino weitere Szenen vorgesehen haben könnte: Die Existenz von Antonios Holzschnitt mit der Allegorie der Hoffnung (B. XII., S. 130, Nr. 8) legt nahe, dass auch die beiden anderen christlichen Tugenden, Glaube und Liebe, geplant waren. Von den vier Grundtugenden hat Antonio die Stärke (B. XII. S. 129, Nr. 7), der Meister F. P. die Stärke und die Mäßigung reproduziert. Parmigianinos Federzeichnungen in Budapest (Szépművészeti Múzeum) und im Metropolitan Museum mit Frauengestalten, die einen Spiegel und eine Waagschale halten (Gnann 2007, Kat. 437, 443), könnten erste Ideen zu den verbleibenden Allegorien der Klugheit und Gerechtigkeit sein. Eine Kopie im Louvre nach einer verlorenen Zeichnung Parmigianinos aus der Metallstiftserie (Gnann 2007, Kat. 420) zeigt den Selbstmord der Dido. Möglicherweise gehören Dido, Mucius Scaevola und die Vestalin Tuccia, die Antonio als Holzschnitt (B. XII, S. 142, Nr. 2) und der Meister F. P. als Radierung wiedergegeben haben, zu einer geplanten Gruppe römischer Helden, die sich durch ihr tugendhaftes Verhalten auszeichneten. Ferner finden sich auf zwei der Metallstiftzeichnungen Herkules-Szenen (eine hat der Meister F. P. radiert; B. XVI, S. 23, Nr. 15), die vermutlich zu einer Serie von Herkules-Taten gehören, die Parmigianino schließlich nicht vollendet hat. Auf einem querformatigen Holzschnitt aus dieser Serie hat Antonio da Trento Diogenes und eine Frau mit Armillarsphäre (Personifikation der Astronomie) gemeinsam wiedergegeben (B. XII, S. 138, Nr. 16). Vielleicht gehörte das Blatt zu einer geplanten Folge mit Philosophendarstellungen, zu denen auch die Darstellung eines sitzenden Philosophen gehörte (Albertina, Inv. DG2002/486 und Inv. DG2002/488). Allerdings fehlt auf diesem eine entsprechende weibliche allegorische Gestalt als Gegenüber. Als Vorlage für diesen Holzschnitt diente eine lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnung auf gelblich präpariertem Papier in Chatsworth (Wien 2013, Abb. 44), die auch der Meister F. P. gegenseitig radiert hat. Die Vorzeichnungen für die gesamte Serie der allegorischen und mythologischen Bilder datierte Popham in die bolognesische Periode des Künstlers (1527–1530/31). Er glaubte, dass sie zu den Werken gehörten, die Antonio von Parmigianino gestohlen hatte, da die Kompositionen in Oberitalien früh Verbreitung fanden und unter anderem auch von Schiavone radiert wurden. Der Stil der Zeichnungen mit ihren schwungvoll bewegten Figuren, deren Gewänder im Licht funkeln und durch eine Vielzahl kantiger Falten gegliedert werden, spricht aber eher für eine Datierung in die römische Zeit um 1524 bis 1526. Engste Bezüge bestehen zu Vorzeichnungen für die Hl. Cäcilie (Gnann 2007, Kat. 414–415), von denen Antonio eine in einem Holzschnitt reproduziert hat (Wien 2013, Abb. 42). Ferner hat D. Jaffé (1994, unter Nr. 683 A) erkannt, dass der sitzende Philosoph (Albertina, Inv. DG2002/486 und Inv. DG2002/488) spiegelbildlich eine der Sibyllen im Vordergrund von Parmigianinos Vermählung Mariens wiederholt, die Gian Giacomo Caraglio um 1525 gestochen hat (B. XV, S. 66, Nr. 1). Die kleinen Szenen der Serie waren vermutlich für Künstler und einen Kreis humanistisch gebildeter Kunstliebhaber bestimmt. Parmigianino schuf sie vermutlich direkt für die Vervielfältigung in der Druckgraphik. Die zehn Holzschnitte werden gewiss zu Recht allgemein dem OEuvre von Antonio da Trento zugeordnet. Charakteristisch für dessen Stil ist die Dominanz des Liniengefüges, das die Figuren markant herausmodelliert und sie zugleich mit langen Schraffuren, die sich über die Gliedmaßen, Gewänder und den Hintergrund breiten, an die Bildfläche bindet. Die Bezüge zwischen dem Mucius Scaevola und dem Philosophen sowie Antonios Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus oder Circe und die Gefährten des Odysseus (Albertina, Inv. DG2002/466, Inv. DG2002/467, Inv. DG2002/507 und Inv. DG2002/510) sind unverkennbar. 

 

 

Literatur: Kolloff 1878, Nr. 34; Servolini 1932, S. 60; Zava Boccazzi 1962, S. 60, Nr. 11 (Antonio da Trento zugeschrieben); Wien 1963, Nr. 133; Trotter 1974, S. 281ff.; Karpinski 1983, S. 257; Gnann 2007, S. 195ff.; Paris, Rouen und Ajaccio 2011– 2012, Kat. 42 (Text v. D. Vandecasteele)

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.152.21
  • Bibliography
  • vgl. Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 174-176
  • Provenance
  • Albertina Altbestand

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    Last edited18.08.2015