Eugène Delacroix, Hamlet und Horatio auf dem Friedhof, Inv. Nr.: 24096
Hamlet und Horatio auf dem Friedhof
Eugène Delacroix, Hamlet und Horatio auf dem Friedhof, Inv. Nr.: 24096
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Hamlet und Horatio auf dem Friedhof

Eugène Delacroix

um 1828




Künstler:in (Charenton 1798 - 1863 Paris)
Dateum 1828
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPinsel in Braun, Schwarz, Grün und Blau, weiß gehöht, über Bleistiftvorzeichnung
Dimensions27,3 x 21,3 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number24096
Signedl.u. "Eug Delacroix" (mit Feder in Braun)
Text

Von allen literarischen Stoffen, die Delacroix angeregt haben, übte Shakespeares "Hamlet" die stärkste Faszination auf ihn aus. Bereits während seines Aufenthaltes in England 1825 hatte er Gelegenheit Shakespeare-Aufführungen zu sehen, darunter wie er am 27.6.1825 an seinen Freund Pierret bedauernd schreibt, leider keine Vorstellung des "Hamlet" (nach Fischer 1963, S. 61 f.). Die selbstquälenden Zweifel, die Isolation und der Weltschmerz des Dänenprinzen entsprachen den Gefühlswelten der Romantiker und ihrer Vorstellung des, von seiner Umwelt unverstandenen intellektuellen Einzelgängers, mit dem sich Delacroix in seinem Dasein als Künstler wohl selbst identifizierte. Insbesondere die erste Szene des 5. Aktes, die Hamlet und Horatio auf dem Friedhof zeigt, blieb für Delacroix vom Ende der 20er- bis in die 50er-Jahre in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik eine ständige Quelle der Inspiration (siehe dazu: Jullian 1975, S. 245-259).
Das früheste, bekannte Beispiel seiner Auseinandersetzung mit dem Stoff dürfte das Aquarell der Albertina sein. Es zeigt Horatio und Hamlet ahnungslos neben dem für Ophelia eben von einem Totengräber frisch ausgehobenen Grab. Hamlet hält den Totenkopf des Hofnarren Yorick in der Hand und philosophiert über Tod und Vergänglichkeit. Im Hintergrund erblickt man die dunkle Silhouette des Schlosses und den herannahenden Leichenzug. Inspiriert wurde die Darstellung vermutlich durch die "Hamlet"-Aufführung einer in Paris gastierenden englischen Truppe mit den damals bekannten Schauspielern #Kemble und #Harriet Smithson, der Delacroix mit Freunden am 11.9.1827 im Odéon beigewohnt hat. Der Theaterbesuch dürfte einen starken Eindruck hinterlassen haben, denn Delacroix wählte, offenbar das Gesehene verarbeitend, für seine Zeichnung eine theatralische Szenerie und an Kostüme erinnernde Samtgewänder, eng anliegende Hosen und effektvolle Federbaretts.
Delacroix´ 1828 entstandene Lithografie (Delteil, Nr. 75) zeigt die Darstellung seitenverkehrt und mit nahezu identer Wiedergabe der Hauptgruppe, was darauf schließen lässt, dass er die Aquarellstudie der Albertina als unmittelbare Vorlage für die Druckgrafik verwendete. Um mehr Raum für erzählende Details zu bekommen, wurde das Hoch- in ein Querformat geändert. Im Aquarell liegt der Schwerpunkt auf Hamlet, Horatio und dem Totengräber, während Schloss, Prozession und Friedhof nur schematisch angedeutet sind. In der Lithografie wird das Geschehen in epischer Breite bühnenwirksam illustriert: der Friedhof besteht nicht nur aus Ophelias Grab, sondern ist nun ein weites Gräberfeld, das Leichenbegängnis umfasst wesentlich mehr Personen und bewegt sich düster und bedrohlich auf die Gruppe zu. Die Architektur ist kulissenartig genau definiert. Die Handlung wirkt in der Zeichnung zwar komprimierter, gewinnt jedoch durch die Umsetzung in das strenge Schwarzweiß der Lithografie an Bedeutungsschwere und Dramatik. Zu dieser frühen Art der Darstellung dürften zwei verschollene Ölbilder gehört haben, wobei eines (Johnsson, III, L 140) in unmittelbarer zeitlicher Nähe, das zweite (Johnsson, III, L 148) um 1844 entstand. Die Pinselzeichnung der Robert Lehman Collection, New York (Metropolitan Museum), korrespondiert in der kompositionellen Anordnung der Figuren, dem Nebeneinander von Hamlet und Horatio, beide in den Anblick des Totenkopfes versunken, eng mit dem Albertina-Aquarell und der Lithografie, mit der sogar die Seitenverkehrung der Personen übereinstimmt. Die Szene ist wie im Aquarell als Hochformat mit Hauptaugenmerk auf die drei Personengruppe wiedergegeben, wobei der Hintergrund  mehr schematisch summierend angedeutet wurde. Die Malweise mit breitem Pinselstrich und weiten, nuancierten Lavierungen wirkt, verglichen mit der vorliegenden Darstellung, freier und sicherer. Ob diese Stilelemente auf eine spätere Entstehung in den 30er- oder 40er-Jahren schließen lassen (AK Frankfurt 1987/88, G 8) oder den Unterschied zwischen schneller erster Skizze (Paris, Musée du Louvre) und der präziser ausgeführten, vielleicht schon als Vorlage gedachten Arbeit andeuten, ist schwer zu beantworten. Zieht man letzteres in Betracht, zumal auch im Aquarell z.B. in der Behandlung des Terrains und des Himmels ein lockerer, freier Duktus erkennbar ist, scheint es durchaus denkbar, die Lehman-Studie in einen zeitlichen Zusammenhang zu Aquarell und Lithografie zu stellen. Die Lithografie von 1828 steht am Beginn von weiteren, insgesamt 16 lithografierten Szenen aus "Hamlet" (Delteil, Nr. 103-118), von denen 13 zu einer Folge zusammengefasst 1843 publiziert wurden. Das Sujet "Hamlet und Horatio auf dem Friedhof" hat Delacroix mehrfach variiert. Den Abschluss seiner Beschäftigung mit diesem Thema bildet das erst 1859 entstandene Ölbild im Louvre, Paris, in dem er Komposition und Darstellung der Hauptfiguren - bis auf die Seitenverkehrung, die wieder dem Aquarell entspricht - nochmals auf die frühe Lithografie von 1828 zurückführt. Neben einzelnen Details wurde auch der Figurentypus verändert: der in der Zeichnung der Albertina noch knabenhaft jugendliche Hamlet ist im Gemälde zu einem Mann mit Bart geworden.

 

zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 198, Nr. 87.

Catalogue raisonné
  • Ekelhart 2007, 87
  • Bibliography
  • Versteigerung A. Beurdeley, Dessins, Pastels, Aquarelles modernes, 2ième Partie, Galerie G. Petit, Paris, 30.11., 1., 2.12.1920, Nr. 119 (?)
  • Tietze 1925/26, S. 464
  • Stix 1927, Nr. 4
  • Johnson 1964, S. 414, Abb. 1
  • AK Bremen 1964, Nr. 171
  • Johnson, III, bei Nr. L 140, Abb. 60
  • AK Frankfurt 1987/88, Nr. G 7
  • Provenance
  • A. Beurdeley (?)
  • Brame (?)
  • 1924 erworben

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33845/hamlet-und-horatio-auf-dem-friedhofImage Request
    Last edited27.11.2018