Die Versuchung des heiligen Antonius
Jean-François Millet
1864-1865
Die mit dichten kraftvollen Kreidestrichen ausgeführte, expressiv wirkende Zeichnung zeigt die Versuchung des heiligen Antonius durch den Teufel in Gestalt schöner nackter Frauen. Gleich einer Vision in helles gleißendes Licht getaucht, versucht die stehende, weibliche Figur mit ihrem entblößten Körper den sie abwehrenden Heiligen zu betören. Verzweifelt versteckt er seinen Blick hinter vorgehaltener Hand, während ihn zwei nackte Frauen zwingen wollen, die sinnlich verführerische Erscheinung anzusehen. Die Darstellung prägt ein kompaktes, unruhiges Geflecht aus Linien und gewischten Stellen, das die Gruppe um den am Boden kauernden heiligen Antonius fast konturlos überzieht und gleichsam zu einer blockhaften Einheit verschmilzt.
Die Zeichnung entstand in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nahezu identen Pastell im Museum of Art der Rhode Island School of Design in Providence (AK Providence 1975, Nr. 54). Dieses wurde im Katalog der Nachlassversteigerung Millet von den, mit dessen Œuvre noch unmittelbar vertrauten Experten #Tissot und #Durand-Ruel um 1864-1865 datiert und mit dem Titel "La Tentation de Saint Antoine" angegeben (Nachlasskatalog Millet, Paris 10.-11.5.1875, Nr. 66). Letzteres scheint deshalb einer besonderen Erwähnung wert, weil die Szene in der Folge auch als "Versuchung des heiligen Hieronymus" und "Versuchung des heiligen Hilarius" bezeichnet wurde (siehe AK Providence 1975, Nr. 54), was ikonografisch möglich wäre. Zieht man jedoch in Betracht, dass sich Millet schon in den 1840er-Jahren mit der viel populäreren Darstellung des heiligen Antonius auseinandergesetzt hat (Abb. in: Moreau-Nélaton 1921, Bd. 1, Abb. 31) und berücksichtigt man die Betitelung in dem nur einige Jahre nach Millets Tod entstandenen Nachlasskatalog, scheint der ursprüngliche Titel wohl seine Berechtigung zu haben.
Die Zeichnung der Albertina mit ihrem spontanen, skizzenhaft freier wirkenden Duktus dürfte dem Pastell vorangehen, da in diesem die Figuren und der sie umgebende Raum deutlicher akzentuiert sind. Hinzu kommt ein bildhaft geschlossener Eindruck, zu dem die malerische Kombination von schwarzer Kreide und Pastellstiften wesentlich beiträgt. Sowohl technisch als auch stilistisch entspricht die "Versuchung des heiligen Antonius" der im Nachlasskatalog angegebenen Datierung um 1864-1865. In dieser Zeit begann sich Millet - nach seinen ersten Arbeiten in dieser Technik in den 40er-Jahren - wieder verstärkt dem Pastell zuzuwenden, das durch die betont markante, zusätzliche Verwendung der schwarzen Kreide seine charakteristische Besonderheit erhält.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 510, Nr. 234.
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