Die Gefangennahme König Ludwigs XVI. in Varennes
Anonym
um 1791
Die bildhaft disponierte Zeichnung zeigt die Verhaftung #König Ludwigs XVI., seiner Gemahlin #Marie Antoinette, seiner beiden Kinder und deren Gouvernante in Varennes. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 war es der königlichen Familie gelungen, die Tuilerien trotz strenger Bewachung zu verlassen. Die Reise verlief zunächst ohne Zwischenfälle, bis der König in Sainte-Menehould von dem Dragoner und Postmeister #Jean-Baptiste Drouet erkannt wurde. Dieser nahm gemeinsam mit seinem Freund Guillaume eine Abkürzung nach Varennes, um vor der Ankunft der Karosse Alarm zu schlagen und die Weiterfahrt der königlichen Familie zu verhindern. Auch die von #General Bouillé entsandten Reiter konnten nicht mehr rettend eingreifen. Ludwig XVI. wurde am 21. Juni verhaftet und am Morgen des 22. Juni gezwungen, nach Paris zurückzukehren (nach Tulard 1989, S. 80).
Die wild bewegte, furiose Zeichenweise mit dynamischer, kraftvoller Linienführung, betont starken Hell-Dunkelkontrasten und virtuos aufgetragenen Lavierungen bringt die Aufruhr der Masse kongenial zum Ausdruck und vermag die Dramatik des Geschehens noch zu steigern. Unheildrohend heben sich die dunklen Silhouetten der beiden bewaffneten Männer im Vordergrund von der wogenden Menge und der im Gegensatz dazu blitzlichtartig beleuchteten königlichen Familie ab. Bei dem linken könnte es sich vielleicht um Drouet handeln, da sein Name auf dem rechten Bildrand in der Abschlusszeile "avec l´arme au bras comance [oder "camarade" nicht eindeutig lesbar] Droüet" eines in Anlehnung an das "ça ira"- Revolutionslied verfassten Textes vorkommt und außerdem über einer winzigen Bleistiftskizze dieser Figur steht. Es bestünde auch die Möglichkeit, die zwei Männer als #Paul le Blanc und #Joseph Pontant zu identifizieren, die sich der Kutsche entgegenstellten und somit maßgeblich an der Festnahme beteiligt waren. Ihre Namen sind in der Beschriftung diverser Stiche zur Verhaftung Ludwigs XVI. zu lesen. Rechts und links von der Hauptdarstellung finden sich noch weitere kleine Annotationen in Bezug auf die Komposition oder einzelne Personen wie z.B. den Kutscher.
Das energievolle, meisterhaft gezeichnete Blatt wurde als Werk #Jacques-Louis Davids erworben. #Otto Benesch zweifelte zu Recht an dessen Autorschaft und brachte es mit #Jacques-François-Joseph Swebach in Verbindung (eigenhändiger Vermerk auf der Rückseite des Passepartouts), dessen Zeichenstil jedoch kleinteiliger und akribischer wirkt, vor allem aber nicht diesen auffallend dynamischen Duktus aufweist (vgl. z.B. AK Paris 1989, III, Nr. 1059, Abb., oder Albertina, Inv. 12932-12936). Bis jetzt konnte diese prägnante, impulsive künstlerische Handschrift der Albertina-Studie mit keinem der, besonders während französischen Revolution tätigen Künstler - Thema und das vermutlich selbst getextete "Ça ira"-Lied lassen auf einen Anhänger schließen - in einen überzeugenden Zusammenhang gebracht werden.
Ähnlichkeiten wie die grafische Betonung durch ein lockeres, schwungvolles Liniensystem sowie auch die starke malerische Komponente durch großflächig nuancierte Lavierungen finden sich in einem Blatt des Louvre "Le Départ des volontaires" wieder (Musée du Louvre, Département des Arts graphiques; siehe Abb. in: AK Paris 1989, II, Nr. 642), dessen Künstler aber ebenfalls unbekannt ist und entfernt mit #Jean-Baptiste Wicar in Verbindung gebracht wird.
Verwandte stilistische Züge wie die Wiedergabe der Figuren im Vordergrund, die mit wenigen markanten, raschen Strichen umrissen sind und durch den Wechsel von modellierender Lavierung und hellem Licht Körpervolumen bekommen, während die Menge nur kürzelhaft mit wenigen Strichen und einfachen Kreisen als Köpfe charakterisiert ist, lassen sich, m.E., am nächsten in einer Zeichnung des "Palais Royal en 1810" des Musée Carnavalet vergleichen, die #Carl Vernet - auch nicht wirklich schlüssig, vergleicht man sie mit gesicherten Arbeiten dieses Künstlers - zugeschrieben wird.
Neben der Studie der Albertina und dem Blatt des Musée Carnavalet konnte noch eine weitere Zeichnung dieses bislang anonymen Künstlers gefunden werden ("Retour du Louis XVI à Paris le 25 juin 1791", Paris, Bibliothèque nationale, Département des Estampes, Inv. Coll. Hennin, Bd. CXXV, Nr. 11, 001), die, m.E., die gleiche Handschrift zeigt und darüber hinaus mit der Rückkehr Ludwigs XVI. nach Paris thematisch eine Fortsetzung zu der Darstellung der Albertina bildet.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 730, Nr. 340.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33876/die-gefangennahme-konig-ludwigs-xvi-in-varennesImage Request