Waldlichtung mit Weg
Narcisse Virgilio Diaz de la Peña
Diaz de la Peña begann unter dem Einfluss der romantischen Richtung, vor allem von #Eugène Delacroix, mit orientalischen und mythologischen Themen. Durch seine Bekanntschaft mit #Jules Dupré, #Théodore Rousseau und #Paul Huet wandte er sich immer mehr der Landschaftsmalerei zu. 1833 arbeitete er das erste Mal im Wald von Fontainebleau. Ab 1835 hielt er sich jedes Jahr einige Zeit in Barbizon auf, vermutlich auch wegen seiner Gehbehinderung durch ein Holzbein, die ihm keine größeren Reisen erlaubte. Erste Publikumserfolge errangen seine Waldinterieurs in Verbindung mit rokokohafter phantastisch-mythologischer Staffage, häufig auch an Vorbilder #Correggios erinnernd. In den 50er-Jahren fand Diaz de la Peña zu seinem spezifisch expressiven Stil, der durch eine dunkle Farbpalette, in der bunte Farbakzente grell aufleuchten, und effektvolle Licht- und Schattenkontraste charakterisiert ist. Ein weiteres typisches Merkmal bildet seine freie, offene Malweise, die zu einem wichtigen Impuls für die nachfolgenden Impressionisten werden sollte. Die Motive für seine dramatisch heroischen Landschaftsdarstellungen fand Diaz de la Peña fast ausschließlich im Wald von Fontainebleau und dessen ungebändigter wilden Natur. Seine besondere Vorliebe galt pittoresken, knorrig verwachsenen Bäumen und bizarren Felsformationen.
Auch der Naturausschnitt der Zeichnung der Albertina scheint im Hinblick auf den wirkungsvollen Kontrast von belaubten und kahlen Bäumen mit skurril geformten Stämmen und Ästen gewählt worden zu sein. Einen bildwirksamen, spannungsreichen Gegensatz zu dem Waldstück im Hintergrund bildet die freie Lichtung der vorderen Bildhälfte und der beide verbindende, in betont steiler Perspektive wiedergegebene Weg. Mit weichem Stift und schraffierten wie geschummerten Partien erzeugt Diaz de la Peña den täuschend echten Eindruck vegetabiler Natur mit dichtem Laubwerk und üppig wachsenden Gräsern. Eine, in Sujet und zeichnerischer Ausführung nah verwandte, aber ebenfalls undatierte Zeichnung befindet sich in der Lehman Collection des Metropolitan Museum, New York (AK French Drawings of the XIXth Century, from the Robert Lehman Collection, New York, The Metropolitan Museum of Art, 1980, Nr. 39). Der freie flüssige, sichere Vortrag lässt an eine Datierung der Albertina-Studie eher in die späteren Jahre denken, zumal sich auch Parallelen sowohl in der Komposition als auch der pointiert offenen Strichführung zu datierten Gemälden finden lassen: so zeigt z.B. "Die Lichtung im Wald von Fontainebleau" (München, Neue Pinakothek) von 1868 einen Bach in der Bildmitte, der dem Weg der Albertina-Zeichnung vergleichbar, ebenfalls beinahe senkrecht in die Tiefe führt, oder "Die Waldlichtung" (Paris, Musée du Louvre) von 1871 manieristisch bizarr in den Himmel ragendes Astwerk in vergleichbar malerisch lockerer Virtuosität.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 260, Nr. 112.
