Auguste Raffet, Boissy d'Anglas in der Nationalversammlung, am 20. Mai 1795, Inv. Nr.: 32641
Boissy d'Anglas in der Nationalversammlung, am 20. Mai 1795
Auguste Raffet, Boissy d'Anglas in der Nationalversammlung, am 20. Mai 1795, Inv. Nr.: 32641
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Boissy d'Anglas in der Nationalversammlung, am 20. Mai 1795

Auguste Raffet

um 1830/31




Künstler:in (Paris 1804 - 1860 Genua)
Dateum 1830/31
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide
Dimensions12 x 17,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number32641
Inscribedr.u. "convention" (mit schwarzer Kreide)
Markingsl.u. Nachlassstempel Auguste Raffet, Sohn (Lugt 2126)
Text

Bei dieser Skizze dürfte es sich, soweit aus der flüchtigen, kürzelhaft summierenden Zeichenweise erkennbar, um eine berühmte Episode aus der französischen Revolution handeln (Siehe dazu vor allem: Chaudonneret 1987, S. 128-135): Am 20. Mai 1795 drang eine aufgebrachte Volksmenge, heftig Brot und die Verfassung von 1793 fordernd, in die Sitzung des Nationalkonvents ein. Der junge Abgeordnete #Féraud stellt sich der wütenden Meute entgegen, wird durch einen Pistolenschuss getötet und danach enthauptet. Sein abgeschlagener Kopf wird auf einer Pike dem Vorsitzenden der Versammlung #François Boissy d´Anglas entgegengehalten, der Ruhe bewahrt, vor dem toten Kollegen ehrerbietig seinen Hut zieht und bis zum Eintreffen der Nationalgarde die Auflösung des Konvents verhindert.
Raffet legt in seiner Skizze erstaunlich wenig Wert auf eine genauere Definition der Protagonisten wie Boissy d´Anglas, der in der Mittelempore sitzend nur durch wenige akzentuiertere Striche zu erahnen ist, oder das kaum zu erkennende Haupt Férauds, das eher an eine phrygischen Mütze erinnert. Was ihn außer exakten Architekturangaben an diesem Ereignis vielmehr zu faszinieren scheint, ist offensichtlich die Regie der entfesselten Masse.
Mit raschen, grob skizzierenden Strichen charakterisiert Raffet das Wogen der Menge und setzt mit nervösen fahrigen Linien und Schraffuren Aufruhr und Tumult ins Bildhafte um. Mit souveräner Perspektive und sensibel nuancierten Kreidestrichen gibt er dem Geschehen Raum.
Die Zeichnung dürfte im Zusammenhang mit dem Wettbewerb für die Ausschmückung des Sitzungssaales des Palais Bourbon entstanden sein, für den drei Gemälde geplant waren. Das ikonografische Programm der Bilder wurde von Innenminister #Guizot nach propagandistischen Richtlinien im Hinblick auf den neuen König #Louis-Philippe von Orléans erstellt. Die vorgegeben Themen waren "Louis-Philippe schwört am 9. August 1830 auf die konstitutionelle Verfassung", "Der Abgeordnete Mirabeau am 23. Juni 1789 vor Dreux-Brezé" und "Boissy d´Anglas am 20. Mai 1795 vor der Nationalversammlung". Der Wettbewerb wurde am 30. September 1830 im "Moniteur Universel" angekündigt. Die Jury bestand aus 15 Mitgliedern, die die Skizzen in zwei Etappen beurteilte. Zuerst wurden die schwächeren, vor allem die dem vorgegebenen Programm nicht voll inhaltlich entsprachen, ausgeschieden. Sie sollten sowohl als Beispiele für Moral und Tugend der Abgeordneten gelten als auch die neue Regierung unter Louis-Philippe legitimieren. Zu dem Thema "Boissy d´Anglas in der Nationalversammlung" gab es 53 Einsendungen, darunter von #Alexandre-Évariste Fragonard und #Eugène Delacroix. Sein von der romantischen Kritik vielgerühmter Entwurf (Tours, Musée des Beaux-Arts; Abb. in: Chaudonneret 1987, S. 131, Abb. 5) wurde mit der Begründung abgelehnt, dass Delacroix nicht den kühlen Heldenmut Boissy d´Anglas´, sondern die eindringende Menge glorifiziert habe. 13 Skizzen kamen in die engere Wahl, von denen der Sieger #Auguste-Jean-Baptiste Vinchon hieß (Bordeaux, Musée des Beaux-Arts; Abb. in: AK Zürich/Frankfurt 1987/88, S. 139). Die konkurrierenden Künstler sind aus Zeitungsberichten und Unterschriftenlisten bekannt (Chaudonneret 1987, Annexes, S. 133 f.). Der Name Raffet scheint darunter nicht auf, was bedeutet, dass er offiziell zwar nicht an dem Wettbewerb teilnahm, sich jedoch mit der Wiedergabe eines Themas aus dem von der Öffentlichkeit viel beachteten Bewerb privat auseinandergesetzt hat.

 

zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 566, Nr. 258.

Catalogue raisonné
  • Ekelhart 2007, 258
  • Bibliography
  • AK Albertina 1958, Nr. 182
  • Online resources
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    Last edited15.12.2020