Kostümentwurf für Scheiben-Tänzerin
Sonia Delaunay
1923
1910 heiratete Sonia den Maler #Robert Delaunay, eine Künstlerverbindung, die sich für beide als außergewöhnlich stimulierend erwies. Ihr gemeinsames Interesse galt vor allem der Farbe und dem Licht. Ausgehend von kubistischen Tendenzen entwickeln sie diese zu einem abstrakten Farblyrismus. Sonia Delaunay begann schon früh diese ästhetischen Prinzipien praktisch anzuwenden und auf das Kunstgewerbe wie Innendekoration, Textilien, Möbel, Plakate und Bucheinbände zu übertragen. Nach ihrer Meinung existiere keine Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk, da alles benützt werden könne, um die Farben spielen zu lassen, das Licht und den Rhythmus, den sie erzeugen, wenn man das Prinzip der Simultankontraste anwende. Dieser Begriff stammt von #Michel-Eugène Chevreuls Untersuchung "La loi du contraste simultané des couleurs", Paris 1839, die Robert schon 1905 entdeckt hatte und für seine Malerei zu adaptieren suchte, während Sonia farbige Elemente instinktiv und spontan, ohne wissenschaftliches Studium gegeneinander zusetzen schien: "... ich gebe mich damit zufrieden, überall in den Dingen des Lebens Kontraste von Farben zu sehen" (Zit. in: AK München 1985/86, S. 193).
Eine besondere Faszination übte auf sie der Tanz aus, dessen rhythmische Bewegung den Farben Leben verleihe. Sie besuchen gemeinsam mit Künstlerfreunden häufig das Bullier-Tanzcafé, für das sie 1913 ihr erstes simultanistisches Kleid genäht hatte. Der Tanz wird zu einem ihrer Hauptthemen, in Paris stellt sie Tango tanzende Paare dar, in Spanien und Portugal begeistert sie der Flamenco. Sie beginnt 1918 für #Serge Diaghilev und sein Russisches Ballett Kostüme zu entwerfen. Zwischen 1923 und 1924 kreiert sie zahlreiche Gewänder für Abendveranstaltungen wie z.B. "Le Coeur à Gaz" von #Tristan Tzara. Der Kreis wird jene geometrische Form, der die Dynamik der Tanzbewegungen am besten auszudrücken vermag.
Die zahlreichen Aquarelle von Tänzerinnen bestehen aus verschiedenen Kreistypen, mit denen sowohl einzelne Körperpartien als auch die Kostüme definiert werden. Ein Beispiel dafür ist auch die "Tänzerin" der Albertina, die ebenfalls aus verschiedenen Kreisen komponiert ist. Die Studie gehört zu den Entwürfen der Scheibentänzerin für die Soirée "La Danse aux Disques". Diese Abendveranstaltung wurde von dem Dichter #Iliazd organisiert, von Sonia Delaunay ausgestattet und von der Tänzerin #Lizica Codreano am 29. April im La Licorne aufgeführt. Ein weiterer Kostümentwurf für diese "Scheibentänzerin", der 1923 datiert ist, befindet sich im Besitz der Bibliothèque nationale in Paris (AK Bern 1991/92, Nr. 62). Er variiert vor allem in der Wiedergabe des Rockes, den Delaunay hier als Halbkreis anstelle des Kreises definiert. Für dieses Kostüm existiert noch eine weniger streng abstrakt wirkende Studie in Privatbesitz (Sonia Delaunay, Rythmes et couleurs, préface de Michel Hoog, Paris 1971, S. 81), in der der Rock ebenfalls als Halbrund gezeichnet ist.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 250, Nr. 107.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33936/kostumentwurf-fur-scheibentanzerinImage Request