Apollo mit den Musen und Kybele auf einem Löwen sitzend
François Pascal Gérard
1790er-Jahre
Die allegorische Darstellung zeigt Apollo gefolgt von den neun Musen, deren Attribute wie Malkasten, Schriftrolle und Füllhorn im rechten Vordergrund liegen. Sie gehen auf Kybele zu, die auf einem Löwen sitzt. Hinter ihr sind abziehende Krieger zu erkennen. Kybele gilt als Göttin der Fruchtbarkeit, alles knospenden und blühenden Lebens und als Beschützerin der Städte, weshalb sie meistens, wie auch hier, mit Mauerkrone dargestellt wird. Die mit subtilen Linien und reich nuancierten Hell-Dunkel-Schattierungen ausgeführte Zeichnung ist schwer zu deuten: am ehesten scheint es sich um eine von feindlicher Besetzung befreiten Stadt, die durch Kybele symbolisiert wird, zu handeln, in die nun nach Gewalt und Zerstörung die schönen Künste zurückkehren können. Apollo hält symbolhaft seine zum Spiel bereite Lyra empor, der Löwe, Attribut der Göttin, leckt ihm freudig dankbar den Fuß. Im alten Inventar der Albertina wurde die Szene als mögliche Allegorie auf die Stagnation Belgiens bezeichnet, die in diesem Land ab 1792, nach der Niederlage der Österreicher in der Schlacht bei Jemappes am 6.11.1792 und der anschließenden Besetzung ganz Belgiens durch die Franzosen, geherrscht habe. Diese kuriose, sehr subjektive und sicher nicht von Gérard intendierte Auslegung bezieht sich auf die Person #Herzog Alberts von Sachsen-Teschen, dem kunstsinnigen Gründer der Albertina, dem damaligen Statthalter der österreichischen Niederlande, der Brüssel nach der französischen Übernahme mit seinem persönlichen Besitz, vor allem seiner Sammlung, verlassen musste.
In den späten 1790er-Jahren arbeitete Gérard in Ermangelung großer Aufträge hauptsächlich für die Verleger #Didot, indem er Zeichnungen für illustrierte Luxusausgaben #Vergils, #Racines oder #La Fontaines lieferte. Es wäre durchaus vorstellbar, dass auch das Albertina-Blatt für eines dieser Projekte gedacht war. Eine stilistisch nahe verwandte, um 1796 datierte Zeichnung des Getty Museums, Los Angeles, "Psyches Vater befragt das Orakel" (Inv. 92.GA.108), die in Didots illustrierter Ausgabe für "Les Amours de Psyché et de Cupidon" von La Fontaine als Radierung vorkommt, weist eine ähnlich akzentuierte Linienführung in Kombination mit betont kontrastierenden Licht- und Schattenpartien auf.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 368, Nr. 165.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/33944/apollo-mit-den-musen-und-kybele-auf-einem-lowen-sitzendImage Request