Phaeton, den Sonnenwagen lenkend
Odilon Redon
1905-1908
Die Zeichnung gehört zu den zahlreichen Arbeiten mit dem Thema "Phaeton und der Sonnenwagen" (Wildenstein, II, Nr. 849-879), das Redon ab 1905 bevorzugt behandelt hat. Es bot ihm vor allem die Möglichkeit, mit einer reichen, schillernden Farbskala seine Phantasmagorien von magischer Himmelsphäre, von unbestimmter Tiefe, von Wolken und Feuer zu gestalten: Das Gegenständliche findet sich in ein leuchtendes, visionäres Gewebe so homogen eingebettet, dass es als eigenständiges Motiv kaum mehr zu erkennen ist. Phaeton, Sohn des Sonnengottes Helios, bat seinen Vater, einen Tag den Sonnenwagen lenken zu dürfen. Helios weiß, dass Phaeton nicht stark genug ist, um die feurigen Pferde des Gespanns zu führen, muss aber der Bitte nachgeben. Die ungestümen Tiere gingen dem unerfahrenen Lenker jedoch durch und setzten Himmel und Erde in Brand. Um größeres Unheil zu verhindern, schleuderte Zeus Phaeton durch einen Blitz in den Fluss Eridanos (griechischer Name für den Fluss Po; Ovid, Metamorphosen II, 1-325).
Für seine Darstellungen wählte Redon verschiedene Szenen der Phaeton-Mythologie, in denen er den Sonnenwagen zwei- oder vierspännig wiedergibt: Er zeigt häufig den Moment, in dem Phaeton die Kräfte verlassen, die Rosse die gewohnte lenkende Hand vermissen und aus ihrer Bahn ausbrechen, worauf Himmel und Erde zu brennen beginnen, oder dessen Sturz aus dem Wagen, nachdem ihn Zeus mit einem Blitzstrahl getroffen hat. Die Zeichnung der Albertina gehört zu der ersten Gruppe und steht motivisch in enger Beziehung zu einem um 1905/06 datierten Ölbild im Besitz von Mrs. Werner E. Josten, New York (Wildenstein, II, Nr. 874; AK Odilon Redon: Paintings and Pastels, New York, Galerie Paul Rosenberg 1959, Nr. 10), und zu einem Pastell - mit allerdings vier Pferden -, ebenfalls in amerikanischem Privatbesitz (Wildenstein, II, Nr. 872). Die Albertina-Zeichnung könnte nach Wildenstein aufgrund der verwandten Armhaltung Phaetons und der identen Radform die Vorstudie dazu darstellen. Mit nervösen, fahrigen Strichen überträgt Redon den gehetzten Eindruck von wilder Unruhe der sich aufbäumenden Rosse kongenial in das grafische Medium. Im Kontrast dazu verstärkt er die Figur des Phaeton durch kräftige, vereinheitlichende Federstriche zu einem wehrhaften Block, der alle Kraft aufzubieten scheint, um die Gewalt der Tiere zu zügeln. Darunter hat Redon eine zweite Studie für Phaeton ausprobiert: dieses Mal in hockender Stellung, die Beine fest in den Boden gestemmt. Eine nahe verwandte seitenverkehrte Zeichnung befindet sich in Schweizer Privatbesitz (Wildenstein, II, Nr. 871; Berger 1964, Nr. 777, Abb. S. 255).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 586, Nr. 268.
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