Moses und der brennende Dornbusch
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1545-1547
Sichtmaß des Ausschnitts: 12,2 x 20,8 cm
Auf der breitformatigen Radierung kniet Moses als Hirte vor dem brennenden Dornbusch, in dem ihm Gottvater erschien und ihm befahl, die Israeliten aus der Sklaverei zu befreien, sie aus Ägypten herauszuführen. Das Blatt besticht durch die feine und differenzierte Linienführung, die durch den Reichtum an Variationen eine außerordentlich malerische Bildwirkung erzielt. Schiavone unterscheidet zwischen kurzen und kräftige Lagen für das Fell der Schafe und Ziegen, beschränkt sich auf Kreuzschraffuren für die Rundung der Körper und die Schatten, verwendet vibrierende Linienbündel für das Feuer und zarte, fast zerbrechliche Linien für die Häuser im Hintergrund, die sich im Atmosphärischen auflösen. Wie bereits J. Wilde bemerkt hat, ließ der Künstler wie später die Holländer des 17. Jahrhunderts etwa bei dem Gebüsch die Grate zu beiden Seiten der Taille stehen, wodurch die Blätter einen weichen, samtigen Ton bekommen. Bei diesem Meisterwerk der Radierkunst baut Schiavone die Landschaft nicht mehr aus Versatzstücken auf, sondern entwickelt sie kontinuierlich in die Tiefe. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Licht zu, das alle Bildelemente durchdringt, ihnen eine brillante und strahlende Wirkung verleiht und die Darstellung dadurch vereinheitlicht. Schiavone verzichtet dabei auf eine klare Begrenzung der Formen, vielmehr lösen sich die Konturen zum Licht hin auf, was den malerischen Eindruck des Blattes steigert. In diesem zeigt sich der Künstler nun unabhängig von seinem großen Vorbild Parmigianino. Man hat in der Literatur immer wieder auf die deutlichen venezianischen Einflüsse hingewiesen, auf die pastorale Stimmung der Darstellung, die an Giulio Campagnola, Giorgione und Tizian gemahnt. In diesem Zusammenhang ist etwa Tizians Landschaft mit der Kuhmelkerin zu nennen, die durch eine gezeichnete Kopie im Louvre (https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl020007938§) und einen Holzschnitt von Giovanni Britto (https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1951-0407-90§) überliefert ist (Paris 1993, Nr. 209, 210; Text W.R. Rearick), und in der das bäuerliche Idyll und insbesondere das Motiv der Blätter abzupfenden Ziege an Schiavones Radierung erinnert. Noch näher kommt dem Druck eine Zeichnung von Tizian im Louvre (Paris 1993, Nr. 217; Text W.R. Rearick), auf der ein schlafender Hirte und Ziegen ebenfalls parallel zur Bildebene im Vordergrund angeordnet sind. Auch die Landschaft auf dieser Zeichnung Tizians mit dem sich schräg in die Tiefe schlängelnden Fluss, dem hügeligen Ufer, der Brücke in der Ferne sowie dem Baum rechts im Vordergrund sind mit der Radierung vergleichbar.
F. Richardson datiert die Radierung um 1544-48, wohingegen sich G. und P. Rossi
für eine etwas frühere Entstehungszeit aussprechen. A. Ballarin glaubt hingegen an eine Ausführung zu Beginn der 1550er-Jahre. Ein Blick auf die Drucke, die wir zu Beginn der 1540er-Jahre eingeordnet haben, macht deutlich, dass die Technik bei Moses und der brennende Dornbusch bereits entwickelter ist. Selbst beim wunderbaren Fischzug (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 42 und 43; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§), in dem das Liniengefüge schon stark variiert, sind die Figuren noch weitgehend getrennt voneinander aufgefasst und noch nicht derart in den Landschaftsraum eingebunden wie bei dem hier besprochenen Blatt. Andererseits besteht noch ein Unterschied zu dem hochbewegten und dynamischen Stil, der den Raub der Helena aus dem Jahre 1547 kennzeichnet (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 90 und 91; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§). Hinsichtlich der raffinierten Lichtführung lassen sich bei Moses und der brennende Dornbusch Parallelen zum Wachtelwunder (Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 62; https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§) feststellen, weshalb sich eine Datierung um 1545-1546/47 anbietet.
C. Callegari zufolge handelt es sich bei dem Exemplar der Albertina um den zweiten Zustand (II/IV).
Literatur: Fröhlich-Bum 1913, S. 159, 172, 173, 206, 214, S. 218, Fig. 18; Stanley 1858, S. 458; Fröhlich-Bum 1916, S. 368, Fig. 3; Wilde 1918, S. 81; Tietze und Tietze-Conrat 1944, S. 249f.; Fiocco 1950, S. 38; Wien 1966, Nr. 234, Abb. 39; Ferrara und Gaeta Bertelà 1975, Nr. 256; F. Benvenuti, Introduzione, in: Muraro und Rosand 1976, S. 37, Fig. XXXII; Zerner 1979, S. 39; Richardson 1980, Nr. 3; Rossi 1980, S. 82, fig. 10; Dillon 1981, Nr. 113; Rossi 1983, S. 221; London 1983, P39 (Text v. D. Landau); Rossi 1984, S. 194; Ballarin 1996, parte prima, tomo secondo, fig. 697; Maastricht und Brügge 2002-2003, Nr. IV.7; Venedig 2015-2016, Nr. IV. 7 (Text v. C. Callegari); Callegari 2018, S. 18f.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 63, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
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