Die Muttergottes mit dem Christuskind und dem heiligen Joseph
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1540-1544
Das Blatt ist unter dem Titel Die Heilige Familie bekannt, doch lässt sich das Motiv der unter einem Baum sitzenden Maria mit dem Kind an der Brust und dem sie betrachtenden hl. Josef spezifischer als Ruhe auf der Flucht nach Ägypten bezeichnen. Die kleine, fein ausgeführte Darstellung atmet den Charme von Parmigianinos Radierungen, besonders dem Knaben mit den zwei Alten und dem kleinen Hirten (Bartsch XVI, S. 13f., Nr. 12, 13; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1818bd16/0023/image,info§). Parmigianino hat sich nachweislich mit dem Thema der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten auf einer durch eine Kopie überlieferten Zeichnung befasst (Popham 1971, O.C. 21, Pl. 255; https://permalink.obvsg.at/alb/AC09003992§), doch bietet diese keine Vergleichsmöglichkeiten mit der Radierung. Wie F. Di Gioia jedoch festgestellt hat, erinnert der als Halbfigur erscheinende Josef an den hl. Zacharias in Parmigianinos Gemälde der Madonna mit Kind und Heiligen in den Uffizien in Florenz (https://www.uffizi.it/en/artworks/parmigianino-madonna-zachariah§), und die Pose der Maria lässt sich seitenverkehrt von der hl. Katharina in der mystischen Vermählung in London (https://www.nationalgallery.org.uk/paintings/parmigianino-the-mystic-marriage-of-saint-catherine§) ableiten, die der Parmaer Künstler um 1525-1526 gemalt hat (Gnann 2007, S. 142ff., Abb. 45; https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712870§). Noch deutlicher wird die Übernahme der hl. Katharina des Londoner Bildes in Schiavones Radierung der Muttergottes mit Kind und dem Johannesknaben (Bryan, S. 463, Nr. 110; https://www.digitale-sammlungen.de/view/bsb10258102?page=518,519§). Giulio Bonasone hat Parmigianinos Komposition der mystischen Vermählung der hl. Katharina von Alexandrien mit kleinen Veränderungen zu Beginn der 1640er-Jahre gestochen (Bartsch XV, S. 121f., Nr. 47; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1813bd15/0131/image,info§). Der Stich dürfte aber nicht als Inspirationsquelle für Schiavones idyllische Ruhe auf der Flucht nach Ägypten gedient haben, da er Einzelheiten vergröbernd und teilweise unterschiedlich wiedergibt. So bauscht sich bei Bonasone das Gewand der Muttergottes, wohingegen es bei Schiavone in langen fließenden Falten über den Körper läuft, in einem ausholenden Schwung über den Rücken gleitet und teilweise den Fuß bedeckt der unter dem transparenten Stoff durchscheint. Die schönen, mädchenhaften Züge des im verlorenen Profil gezeigten Kopfes und der raffinierte Glanz, der sich auf der Oberfläche des Gewandes ausbreitet, lassen an die direkte Kenntnis einer Zeichnung von Parmigianino denken (vgl. Gnann 2007, Nr. 473, 477 recto; https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712870§) in dem dieser die Monumentalität der Sibyllen Michelangelos mit der Grazie von Raffaels Frauengestalten verbindet. Auch die kompositionelle Anlage der Radierung mit einer vom unteren Eck ausgehenden Schräge, die den Blick in die Bildmitte führt, ist mit dem Gemälde der mystischen Vermählung der hl. Katharina vergleichbar. Wahrscheinlich konnte Schiavone somit auf eine verlorene, aus etwa dieser Zeit stammende Zeichnung Parmigianinos mit der Darstellung der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten zurückgreifen. F. Richardson und F. Di Gioia haben die Radierung zu Recht als Frühwerk bestimmt; hier sei eine Datierung um 1540-1543/44 vorgeschlagen.
Dem Autor sind drei Zustände bekannt. Gegenüber dem ersten Zustand, der durch ein Exemplar in der Bibliothèque Nationale in Paris (Bd. 5 (f)-Fol, C 8321) vertreten ist, hat Schiavone auf der hier besprochenen, leicht beschnittenen und nachträglich blau gefärbten Radierung der Albertina die Augen des hl. Josef verändert und zusätzliche Schraffuren an seinem Mantel und im Himmel links neben dem Ast hinzugefügt. Im dritten Zustand (Exemplar, Albertina, Wien, HB33.1, p. 21, blaue Nummer 33) finden sich weitere Schraffuren in diesem Bereich des Himmels. Der möglicherweise aus dem Piemont stammende Maler und Stecher Georges Reverdy hat die Radierung gegenseitig in einem Kupferstich wiedergegeben (Bartsch XV, S. 470, Nr. 8; https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bartsch1813bd15/0480/image,info§) und neben anderen Veränderungen ruinöse Architekturen im Hintergrund eingefügt. Zu weiteren Kopien siehe F. Di Gioia (2015, S. 51; https://permalink.obvsg.at/alb/ALB0100918§).
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 22, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/341272/die-muttergottes-mit-dem-christuskind-und-dem-heiligen-josepImage Request