Penelope
Paul Alexandre Alfred Leroy
um 1894
Die Zeichnung ist eine Detailstudie für das Gemälde "Pénélope" (Auktionskatalog 19th Century European Paintings, Drawings, Watercolors and Sculptures, including the collection of Joseph H. Lang, Toronto, Christie´s, New York, 24. May 1989, Nr. 54; Katalog Salon, Paris, 1894, Nr. 1160; Catalogue illustré de Salon 1894, S. 141; AK Große Kunstausstellung, Berlin 1895; Leroy 1974, S. 135 unter IV Sujets de peinture d´Histoire: "Pénélope"), das 1894 im Salon ausgestellt war. Leroy hat für seine Darstellung aus Homers "Odyssee" Penelopes List gewählt, mit der sie ihre Freier drei Jahre täuschen konnte. Sie ließ sich einen mächtigen Webstuhl in die Halle stellen, um für den tot geglaubten Odysseus ein riesiges Leichentuch anzufertigen. Erst nach dessen Fertigstellung gedachte sie sich wieder zu vermählen. Das am Tag Gewebte trennte sie jedoch des Nachts wieder auf, bis eine ihrer Mägde sie dabei ertappte und verriet (Homer, Odyssee, 2. Gesang, 91- 109). Leroy transponierte ein Thema aus der griechischen Mythologie in ein orientalisches Ambiente. Der monumentale Webstuhl in der Bildmitte teilt das Ölbild kompositionell in zwei Hälften: Im lichterfüllten Vordergrund sind die webenden Dienerinnen in fröhlicher Unterhaltung und in der Art orientalischer Sklavinnen wiedergegeben, während auf der anderen Seite des Gerätes die um Odysseus trauernde Penelope einsam und von ihnen abgewandt im Halbdunkel sinnt. Im Unterschied zum ausgeführten Gemälde lässt die Studie der Albertina erkennen, dass Leroy zunächst daran dachte, Penelope frontal zum Betrachter darzustellen. Die Zeichnung dürfte nach einem Modell entstanden sein und zeigt bereits das Sitzmotiv mit übereinandergeschlagenen Beinen sowie den auf dem Webstuhl ruhenden Arm. Der Kopf ist jedoch noch nicht in die linke Hand gestützt, sondern leicht zur Seite geneigt, wobei ihre melancholischen Züge deutlich sichtbar sind. Die für das Gemälde gewählte, vom Geschehen abgewandte, seitliche Körperstellung verstärkt den Ausdruck von Verlassenheit und Schmerz.
Leroy verarbeitet in diesen Sujets sein Interesse für Volkstum und alte handwerkliche Traditionen, wie auch die Kunst des Webens. Diese dürfte er vor allem in Süd-Algerien kennen gelernt und studiert haben. Bereits 1889 entstand das Bild eines an einem Webstuhl arbeitenden Mädchens in Biskra (Paris, Musée d´Orsay; AK Pau u. a. 1983, unter Leroy).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 462, Nr. 210.
