Die Karlskirche von der Bastei gesehen
Martin von Molitor
um 1800
Während der letzten großen Pestepidemie 1713 hatte Kaiser Karl VI. gelobt, als Dank für die Errettung Wiens eine Kirche errichten zu lassen. Obwohl Martin von Molitor die 1716–1737 erbaute Karlskirche exakt im Zentrum seines Blattes positioniert hat, wird der Blick auf einen Mann im Vordergrund gelenkt, der von Johann Bernhard Fischer von Erlachs Prachtbau abgewandt an einer Mauerbrüstung lehnt und hinunterblickt. Erst die Blickachse zur Karlskirche verrät, dass er auf der Bastei oberhalb des alten Kärntnertors steht und das rege Treiben auf der Straße beobachtet. Während die örtliche Bestimmung der raffinierten Komposition aufgrund des völlig veränderten Stadtbildes heutzutage unverständlich wäre, wussten Molitors Zeitgenossen das Bild zu deuten und verstanden wohl auch den Gegensatz des stillen sakralen Monumentalbaus zum – nur indirekt vorhandenen – täglichen Straßengewühl. Scharfsichtig im wahrsten Wortsinn thematisiert die kleine Zeichnung den individuellen und stetig wechselnden Blick des Betrachters auf die Stadt.
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