Max Pechstein, Frau im Liegestuhl, Inv. Nr.: 31085r
Frau im Liegestuhl
Max Pechstein, Frau im Liegestuhl, Inv. Nr.: 31085r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Frau im Liegestuhl

Max Pechstein

um 1910




Künstler:in (Zwickau 1881 - 1955 Berlin)
Dateum 1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesAquarell auf braunem Papier
Dimensions44,7 x 50,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31085r
Signedr.u. mit Pinsel "HMP"
Text

Der als Hermann Max Pechstein in Dresden an der Kunstakademie ausgebildete Sohn eines Textilarbeiters schloss sein Studium 1906 mit der höchsten Auszeichnung, dem so genannten "Rompreis" ab. Trotz seines von solchem Erfolg gekrönten akademischen Könnens trat Pechstein im Mai 1906 ausgerechnet der in Dresden ein Jahr zuvor gegründeten Künstlervereinigung der "Brücke" bei, obwohl das Ziel der Begründer #Schmidt-Rottluff, #Kirchner, #Heckel und #Bleyl ja in der Überwindung akademischer Normen zugunsten einer nach unmittelbarem und unkonventionellem Ausdruck strebenden Weltsicht bestand.
Weltläufiger als seine Gefährten, verbrachte Pechstein im Anschluss an das Italienstipendium noch neun Monate in Paris, sah Werke von #Cézanne, #Gauguin und #Matisse, studierte die Maler des Fauvismus, gewann #Kees van Dongen als Mitglied der Brücke, beteiligte sich 1908 am Salon des Indépendants und bemühte sich für die Brücke um eine Ausstellungsmöglichkeit in Paris.
Als treibende Kraft der Neuen Sezession in Berlin 1910 wird Pechstein von den anderen Brücke-Malern unterstützt und arbeitet mit ihnen an der Nordsee und an den Moritzburger Teichen. Durch die Arbeitsgemeinschaft bildet sich bis etwa 1909/10 der so genannte Brücke-Stil heraus: Im Vergleich zu den französischen Nachfolgern Gauguins und #van Goghs sind hier die Farben mit weniger Rücksicht auf formale Ausgewogenheit in der Fläche, weniger Wert auf Einheitlichkeit der Bildelemente und weniger Scheu vor dem Ausdruck persönlicher Emotionen gesetzt.
Vor allem bei der gemeinsamen Arbeit der Brückemitglieder mit Modellen kommt es zur wechselseitigen Steigerung dieser neuen Eigenschaften. Eines der halbwüchsigen Mädchen, mit denen man lebte und arbeitete, scheint auch Modell für Pechsteins "Frau im Liegestuhl" gewesen zu sein. Die Ateliersituation erinnert an die angeschnittenen Räume, in denen auch die "Marcellas" und "Fränzis" von Heckel und Kirchner posieren. Es gelingt Pechstein, trotz der entspannten Pose des Modells und der ungekünstelten Unordnung in dessen Umfeld ein Höchstmaß an "Besonderheit", ja beinahe Exzentrik des Modells zu suggerieren. Das liegt nicht nur an den kräftigen Farbkontrasten und der markanten Schwärze der rudimentär gezeichneten Augen und Haare, sondern auch an der von der Rohheit des Farbauftrags, dem Fragmentcharakter der Farbflächen bzw. von den ausgesparten Stellen überspielten Diszipliniertheit der Bildkonstruktion: Im Gewimmel der einander überschneidenden Gegenstände und daraus ableitbaren Raumebenen wirkt sie im Sinne einer perspektivischen Projektion fehlerlos. Der sich daraus ergebende Zusammenhalt des Bildgefüges fesselt nicht nur den Blick des Betrachters, sondern harmonisiert auch die disparaten, vor- und zurückspringenden Farbflächen. Für diese Art der Harmonie in der Raumkonstruktion könnte #Édouard Vuillard Pate gestanden sein.
Die Pinselzeichnung eines Mannes mit Kneifer auf der Rückseite ist mit einem 1910 datierten, in der gleichen Technik ausgeführten Bildnis Otto Muellers eng verwandt (Abb. in: AK Berlin 2001, Nr. 30), wodurch die Datierung von "Frau im Liegestuhl" um 1910 an Wahrscheinlichkeit gewinnt.

Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 227.

Bibliography
  • Schröder 2003, Bd. 5, Nr. 62
  • Schröder 2008, Nr. 227 (M. Mautner Markhof)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.62
  • AK: Expressiv! Die Künstler der Brücke. Die Sammlung Hermann Gerlinger, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder und Marietta Mautner Markhof, München: Hirmer 2007, S.326-327 Abb.216 (inkl. Text)
  • Provenance
  • 1951 erworben von der Galerie Würthle, Wien

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/37195/frau-im-liegestuhlImage Request
    Last edited05.05.2026