Blick auf Wien von der Spinnerin am Kreuz
Jakob Alt
1817
Diese Ansicht von Wien ist ein erster Höhepunkt im Schaffen von Jakob Alt, dem Vater des berühmten Aquarellisten Rudolf von Alt. Die sachliche Darstellung einer Stadtansicht verbindet sich hier mit den malerischen Qualitäten der idealen Landschaftsmalerei. Vom Standpunkt auf der Anhöhe des Wienerbergs bei der Spinnerin am Kreuz (einem noch heute dort befindlichen gotischen Bildstock) bietet sich ein Blick über ganz Wien. Die Triester Straße (bis 1883 hieß sie Neustädter Poststraße) führt in einem leichten Bogen bis zur Matzleinsdorfer Linie (heute im Bereich des sogenannten Gürtels). Ganz rechts erscheint das Obere Belvedere, im Zentrum ragt der Stephansdom auf. Im Hintergrund zeichnen sich im sanften Dunst die Konturen von Kahlenberg, Leopoldsberg und Bisamberg ab.
Jakob Alt war 1810 nach einer Miniaturmalerlehre aus Frankfurt am Main nach Wien gezogen. Er fasste hier vor allem im Bereich der Vedute, der topografischen Landschaftsansicht, Fuß. In Wien hatte im späten 18. Jahrhundert eine bedeutende Kultur eingesetzt, deren künstlerische Interpretation Alt maßgeblich weiterentwickelte. Zugleich gab er dem Aquarell entscheidende Impulse. Auf seinen Erfahrungen bauten seine berühmten Söhne #Franz und vor allem #Rudolf von Alt auf.
Dieser großartige Wien-Blick ist ein erster Höhepunkt in Jakob Alts Schaffen. Der Künstler führt hier zwei Aufgabenstellungen zusammen, an denen er bis dahin getrennt gearbeitet hatte. In der panoramaartigen Fernsicht auf Wien wirkt einerseits die Disziplin einer konkreten stadtbildlichen Aufnahme nach, in die sich Alt durch seine vorangegangenen Vedutenserien eingeübt hatte; andererseits das vor allem in seinen gleichzeitigen Ideallandschaften entwickelte Interesse an malerischen und atmosphärischen Werten.
Der Standpunkt auf der Anhöhe des Wienerberges bei der "Spinnerin am Kreuz", einem noch heute an derselben Stelle befindlichen gotischen Bildstock, bot eine sowohl Einheimischen wie Anreisenden immer wieder beliebte Perspektive. In die Tiefe zieht sich die Triester Straße, bereits seit dem Mittelalter ein wichtiger Handelsweg von und nach Italien, in einem leichten Bogen Richtung Zentrum, um vorerst beim Mauthaus an der Matzleinsdorfer Linie zu enden (heute die Zone des so genannten Gürtels). An das detailreiche dunkle Vordergrundterrain schließen sich weite helle Wiesenflächen. Die Gebäude an der Stadtgrenze sind präzise ausgearbeitet. Ganz rechts erscheint das Obere Belvedere. Aus dem durch die Luft nur leicht verunklärten Häusermeer ragen vor allem die Kirchen der Stadt. Im zarten Dunst zeichnen sich zuletzt noch die Konturen des Kahlenberges, Leopoldsberges und Bisamberges ab.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 175.
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