"Zu Sirning"
Joseph Höger
Einige Anmerkungen zum Bild „Zu Sirning“ von Jospeh Höger
Bei diesem Sirning handelt es sich um den Ortsteil Sierning der Marktgemeinde Puchberg am
Schneeberg. Die örtliche Zuordnung kann recht eindeutig getroffen werden, da das Motiv – die Bildsäule mit der thronenden Figur – auch von anderen Künstlern dargestellt wurde, und zwar 1811 von Martin von Molitor, Mühlleitung zu Sierning (Albertina Inv. D/III/40/80 und 1817 von Johann Christian Erhardt, In Buchberg (NÖ Landessammlungen).
Die eindeutigste Darstellung ist eine photographische Aufnahme um 1906 von Heinrich Schuhmann, Marterl im Sierningtal Puchberg, Bildstock mit Dreifaltigkeitsgruppe, NÖLB Sign. 23.969). Dieses Foto klärt nicht nur die Beschaffenheit der figuralen Darstellung auf der Bildsäule, sondern ermöglicht auch die eindeutige Lokalisierung dieses religiösen Kleindenkmals. Standort ist beim ursprünglichen Hoyos‘schen Guts- und Maierhof Sierning an der Einmündung der Sierningerstraße in die Bundesstraße 26. Diese Bildsäule war zum Zeitpunkt der Schuhmann‘schen Aufnahme schon sehr desolat, in der Gemeinderatssitzung vom 9.1.1908 heißt es:
„Herr Bürgermeister teilt mit, daß über Anregung des Herrn Pfarrers die Pestsäule bei Knoll1
in Sierning welche baufällig ist durch eine neue ersetzt werden soll. Herr Pfarrer habe ersucht, daß die Gemeinde zu den Herstellungskosten einen Beitrag von 100 Kronen leisten möge. Derselbe führt im Weiteren aus, daß er Herrn Pfarrer aufmerksam gemacht habe, ein passendes Project vorzulegen. Sodann müsse ein geeigneter Platz ausgemittelt werden, wo diese Pestsäule aufgestellt werden kann, damit dieselbe kein Verkehrshindernis bildet. Der Gemeinde-Ausschuß erklärt sich mit diesen Vorschlägen einverstanden und wird seinerzeit den Beschluß wegen einer Beitragsleistung gefaßt werden falls der Plan so ist, daß die neue Pestsäule eine Zierde des Ortes bilden würde. Herr Weinberger stellt den Antrag sich in dieser Angelegenheit mit dem Vereine zur Erhaltung von Altertümern in NÖ in Verbindung zu setzen. Diesem Antrage wird zugestimmt.“
Und in der Sitzung vom 29. April 1909 teilt der Bürgermeister mit
„daß Herr Pfarrer Falk angeregt habe, daß an Stelle der Kapelle in Sierning vorm Gasthause Stich welche sich in baufälligen Zustande befindet eine neue hergestellt werden möge […] Er beantrage also zu beschließen, daß Herr Maurereister Dirtl beauftragt werden möge Pläne
hiefür auszuarbeiten nach welchen die Herstellung dieser Kapellen ausgeführt werden soll. Gemeinderat Herr Weinberger stellt den Zusatzantrag es sei ein Komitee zu bilden welchem die Vorarbeiten zur Herstellung dieser Kapellen und die Verhandlungen mit Herrn Dirtl zu übertragen wären. Diese Anträge werden angenommen und in das Komitee gewählt: Gemeinderat Karl Weinberger, Joh. Panzenböck; Gemeindebeirat Johann Zenz, Leopold Stickler und Lorenz Dirtl.“
Die alte Säule wurde also 1909 abgetragen, eine neue Säule (aus Betongussfertigteilen) wurde am selben Standort errichtet. Hier ist traditionell der Versammlungsort für die Puchberger Gelöbniswallfahrt auf den Gutensteiner Mariahilfberg, die jährlich im Herbst abgehalten wird. Diese geht auf das Pestgelöbnis der Puchberger Gemeinde anlässlich der Epidemie 1713 zurück. Der Puchberger Pfarrer Ferdinand Just verfasste 1885 einen wissenschaftlichen Aufsatz2 dazu, in dem er schreibt:
„Fuhrleute, die in Geschäften in Wien zu thun hatten, schleppten von dort die Pest ein. Anfangs suchte man das Auftreten der gräßlichen Seuche zu verheimlichen, allein gar bald hatte sie so um sich gegriffen, daß sich nichts mehr vertuschen ließ. Ueber Puchberg wurde nunmehr zur Verhütung weiterer Verschleppung behördlicherseits die Contumaz verhängt; das Ausfahren war durch 22 Wochen, d.i. von Ende August 1713 bis Ende Januar 1714 streng untersagt. 102 Personen fielen der Pest zum Opfer.“
Johann Kopp, der ab 1714 Pfarrer in Puchberg war, vermerkte in der Matrik:
„Ex voto: Eodem anno 1713 alß alhier die Pest graßierte Und allen Meinen pfarrkindern daß sonst Nothwendige ausfahren gesperrt, auch 22 Wochen nirgens ausdürfen, haben wir eine Procession auff den schneeberg Zur Ehren d allerheyligsten Treyfaltigkeith angestellt, auch alsodort verlobt (et quidem Jurato) wan gott der allgüttigste Uns alhier auff den berg erhören Und die laidige sucht von Uns, und diesem orth abwenden werde, daß wir, daß ist die ganze gemain Buchberg Jährlich mit einem Priester / wan Er H. Pfarrer selbst nit wolte od. Könte; cum Licentia parochi ibidem Sacrificium missae pro qualitate aestatis. Zue verrichten: haben auch gott sei Dankh so will erhalten durch Unser gebett und geliebt, daß die Pest von denen häusern, darin es graßierte, nit mehr weitter khommen. Studeat igitur meus successor, ne ex segnitie votum hoc irritetur, sed magis facile torpentem plebem ad grande hoc votum exstimulet.“
Pfarrer Just merkt zu diesem Gelöbnis einer jährlichen Wallfahrt (hier noch Prozession genannt) auf den Schneeberg an:
„Es war gewiß keine Kleinigkeit, was die Puchberger mit dem Gelübde, alljährlich in Procession auf den Schneeberg zu gehen, auf sich genommen haben; denn der Weg dahin geht größtentheils bergan und dauert fünf Stunden. Ferner mußten die Wallfahrer Speise und Trank mit sich tragen.“3
Tatsächlich sollte diese erste dokumentarisch belegte Puchberger Wallfahrt nur bis zum Jahre 1721, also wahrscheinlich insgesamt acht Mal (die Bittprozession im Jahre 1713 eingerechnet) durchgeführt werden. Dann wurde das Gelöbnis mit Genehmigung des Fürsterzbischöflichen Konsistoriums umgeändert:
„Votum hoc per dispensationem Celsissimi Consistorii laxatum fuit Ao. 1721: in tantum, ut s.s. Sacrificium Missae in Eccl. Sub domo Parochiali aut Matrice persolvatur.“
Den Grund für diese Änderung hat Pfarrer Nickl 1857 aufgezeichnet:
„Zur Zeit der Pest verlobte sich die hiesige Pfarrgemeinde, alljährlich in Prozession zur Dreifaltigkeitssäule auf dem Gipfel des Schneeberges zu pilgern, und dort ein Lobamt zu Ehren der Allerheiligsten Dreieinigkeit halten zu lassen. Man vollzog dieses Gelübde durch mehrere Jahre. Aber man kam zur Einsicht, dass die fortwährende Vollziehung dieses Gelübdes, weil keine Kapelle oben war, worin der Gottesdienst gehalten werden könnte, wegen den herrschenden Winden, die einmal die Hl. Hostie weggeführt und den Kelch
umgeworfen haben sollen, untunlich sei, und substituierte dafür eine jährliche Prozession nach der Servitenkirche in Gutenstein, die noch immer abgehalten wird.“4
Somit hat diese Säule zwei Funktionen erfüllt: Einerseits Erinnerungsmal an die Zeiten der Pestepidemien (die Formensprache auf das beginnende 18. Jahrhundert hin), anderseits Wegweiser für den Weg von Puchberg / Sierning über das Haltbergtal und den Öhler nach Gutenstein. Unweit dieser Säule befindet sich einer der in Dokumenten nachgewiesenen Puchberger Pestfriedhöfe, die sogenannte Lastergrube. Der Standort dieser Dreifaltigkeitssäule steht weiters in enger Verbindung mit den gräflich Hoyos’schen Besitzungen.
Im Waldviertel gibt es mit dem sogenannten Horner Gnadenstuhl ein interessantes
Vergleichsbeispiel. Diese Dreifaltigkeitssäule, die mit 1722 datiert ist und ebenfalls an die
überstandene Pestzeit erinnern soll, wurde von Philipp Josef Innozenz Graf Hoyos gestiftet. Die bildhauerische Darstellung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit folgt dem Typus des Sonntagberger Gnadenstuhls. Die Annahme liegt nahe, dass die alte Puchberger Dreifaltigkeitssäule ebenfalls auf eine Stiftung des Grafen Hoyos zurückgeht, kann aber durch Dokumente nicht belegt werden.
Abschließend zurück zu Joseph Höger. Von ihm stammen mehrere Darstellungen aus der Umgebung des Schneeberges, was nicht weiter verwundert: Jakob Gauermann war sein Lehrer und Förderer, und dann sein Schwiegervater. Dessen Sohn Friedrich Gauermann war Högers enger Freund, und durch die Verehelichung Högers mit seiner Schwester Elisabeth 1832 sein Schwager.5 Gauermann und Höger unternahmen zahlreiche gemeinsame Ausflüge und Wanderungen, bei denen sie Skizzen und Zeichnungen auch im Puchberger Gebiet machten.
Dr. Karl Rieder
Schneebergmuseum Puchberg am Schneeberg / Archiv
p. A. 2734 Puchberg am Schneeberg
Burgerfeldgasse 19
1) Pächter des gräflich Hoyos‘schen Gasthofes.
2) Ferdinand Just, Ein kleiner Beitrag zur Pestgeschichte 1713. In: Österreichisches Jahrbuch, IX. Jahrgang, Wien 1885, pp. 296-300.
3) K. Rieder, Puchberger Wallfahrten. Beiträge zur Puchberger Geschichte, Sonderheft 12. Puchberg/Schneeberg 2022
4) K. Rieder, Pfarrchronik Puchberg 1857 – 1971. Beiträge zur Puchberger Geschichte, Doppelband 5/6. Puchberg/Schneeberg 2018.
5) Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe, Wien 1877, p. 723.
