Felslandschaft mit Turm und Wanderer
Albrecht Dürer
1490-1492
Noch aus den 1490er-Jahren datiert Dürers erstes reines Landschaftsbild. Es ist bis auf den flüchtig skizzierten winzigen Wanderer im Vordergrund menschenleer. Hauptthema ist das im Vordergrund detailliert wiedergegebene Felsmassiv, das Dürers Interesse an dessen Form und Struktur zeigt. Eine topografische Bestimmung ist weder möglich noch beabsichtigt: Real Gesehenes und Fantasie vermischen sich, der Felsen wird mit einer grob skizzierten Burg kombiniert. In Dürers Werkstatt fanden derartige Blätter als Vorlagen für Hintergrundlandschaften in Gemälden oder Druckgrafiken vielfältige Verwendung.
Bei der Felslandschaft mit Turm und Wanderer handelt es sich um die früheste erhaltene reine Landschaftszeichnung von Dürers Hand. Die skizzenhafte Figur des Wanderers am unteren Bildrand spielt für die Darstellung selbst keine Rolle. Das Hauptaugenmerk gilt der detailliert wiedergegebenen Felsformation im Vordergrund. Das Blatt steht am Anfang einer ganzen Reihe von gezeichneten oder aquarellierten Studien, in denen sich Dürer Gesteinsformationen widmet. Es zeigt keine topografisch bestimmbare Örtlichkeit. Obwohl von realen Landschaften inspiriert, haben wir es wohl mit einer Zusammenstellung gestalterisch interessanter Landschaftssujets zu tun.
This depiction of a rocky landscape with tower and wanderer is Dürer’s earliest known pure landscape drawing. The sketched figure of the wanderer on the lower edge of the sheet is in itself of no significance for the picture. Attention is paid above all to the detailed representation of the rock formation in the foreground. The sheet is the first of a whole series of drawn or watercolored studies that Dürer devoted to the study of this theme. The artist has not depicted a topographically identifiable location; although inspired by real sceneries, the drawing is presumably an assemblage of artistically interesting landscape motifs.
Das primäre Anliegen dieser frühen Landschaftszeichnung ist die detailreiche Schilderung von pittoresk geschichteten Felsplatten. Die konzentrierte Erfassung des Hauptmotivs zeigt, wie weit Dürers Entwicklung als Landschaftszeichner bereits gediehen war. Die Datierung für das Blatt reicht von 1490, 1490/92 über die erste Italienreise 1494/95 bis zur Zeit um 1500. Versuche, Landschaft und Architektur zu benennen, scheiterten bis heute. Man glaubte einmal fränkische, dann wieder Motive aus Südtirol erkennen zu können. Die höchst skizzenhafte und summarische Ausführung des Mittel- und Hintergrundes, die zur kleinteiligen Zeichnung der Felsformation im Vordergrund im spannungsreichen Kontrast steht, erschwert jegliche topographische Bestimmung. Beruht die "Felslandschaft", wie auch Christopher S. Wood betont, vielleicht doch auf einer " workshop formula" von Dürers Nürnberger Lehrmeister #Michael Wolgemut und stellt gar keine reale Situation dar? Die Verbindung zu einer um 1490 entstandenen Federzeichnung "Felslandschaft mit Wanderer" aus der Werkstatt Wolgemuts ist evident. Diese Beobachtungen unterstützen die frühen Datierungen "1490" oder "1490-1492", die von Stilvergleichen mit gesicherten Zeichnungen aus der Zeit der Wanderschaft 1490-1494 herrühren.
Die suggestive Wirkung, die die "Felslandschaft" ausübt, resultiert aus Reihe von Unsicherheiten und Brüchen in der Ausführung, die in den frühesten Werken Dürers mehrfach festzustellen sind. Die penible und gleichzeitig harte, den Materialcharakter des Felsens bereits erforschende Zeichenweise, die im Hintergrund märchenhaft auftauchende Turmanlage vor sparsamen Horizontlinien und der puppenhaft kleine Wanderer im Vordergrund - Dürer hat sich vielleicht selbst damit gemeint - verleihen der Darstellung einen romantischen Charakter.
Die Studie steht am Anfang einer Reihe von Zeichnungen und Aquarellen, die Dürer dem Studium von Gesteinsformationen gewidmet hat. So bildhaft sie oft angelegt sind, dienten sie doch als Studienmaterial für Bildhintergründe, weniger in seinen Gemälden als in seinen druckgrafischen Arbeiten (Inv. DG1930/1512).
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 12, S. 142.
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