Der Trockensteg am Hallertor in Nürnberg
Albrecht Dürer
um 1496
Eine exakte Architekturaufnahme bietet Dürer mit der sorgfältig aquarellierten Federzeichnung einer Partie an der Nürnberger Stadtmauer, dem Trockensteg am Hallertor. Dessen Name leitet sich von der Überdachung der Brücke ab, die Fußgänger über die an dieser Stelle in die Altstadt fließende Pegnitz führte. Das dahinter über den Fluss gebaute Gebäude mit dem auffällig gemusterten Dach ist das 1491 bis 1494 als städtisches Waffenarsenal errichtete Spießhaus. Gleichzeitig versah man den 1441 errichteten Steg an seiner Unterseite mit den im Aquarell sichtbaren Gattern. Wahrscheinlich hat der Abschluss aller Baumaßnahmen Dürers Interesse erregt.
Dürer’s meticulously watercolored pen-and-ink drawing of a section of Nuremberg’s city wall, The Covered Bridge by the Haller Gate, offers an accurate architectural image of the footbridge spanning the Pegnitz at the point where it flows into the historical center. The building with the conspicuously patterned roof standing above the river behind it is the Spießhaus (House of Spears), which was constructed as a municipal arsenal between 1491 and 1494. At the same time, the grating visible in the watercolor was added at the bottom of the footbridge, which had been erected in 1441. Dürer’s interest seems to have been aroused by the conclusion of the construction measures.
Unter den erhaltenen Zeichnungen Dürers findet sich nur dieses eine Blatt, das ein architektonisches Ensemble innerhalb des Nürnberger Mauerrings dokumentiert. Vermutlich brachte das Fehlen von Vergleichsmöglichkeiten bei Forschern das Aquarell in Misskredit, doch dürften lange gehegte Zweifel an der Eigenhändigkeit inzwischen ausgeräumt sein. Bereits im Dürer'schen "Kunstbuch" Willibald Imhoffs wurde das Blatt als "Ein Abriss der Brucken bey dem Haller-Thürlein" verzeichnet. Mit dokumentarischer Treue zeichnete Dürer den Teil der Nürnberger Stadtumwallung, der sich im Westen über die Pegnitz spannt. Die Stelle, an der der Fluss in zwei Armen die Stadt verlässt, war immer eine Schwachstelle im Befestigungsring. Zur Sicherung des südlichen Auslaufs errichtete der Rat über dem Wasser zwischen 1491 und 1494 als Waffenarsenal das Spießhaus (später Fronveste genannt). Das ist der Teil, auf Dürers Zeichnung links, mit dem auffällig gemusterten Dach. Zur Sicherung der Anlage diente, rechts daneben angebaut, auf einer Pegnitzinsel fundiert, der ältere Schlayerturm. Nach Vorlage des Dürer'schen Aquarells wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Stadtseitig ermöglichte eine hölzerne Brücke eine Passage über den Fluss. Dessen aufwändige Konstruktion mit zwei Auslugerkern und gemusterter Ziegeldeckung überliefert das Aquarell mit größter Akkuratesse. Errichtet wurde der dem Blatt seinen Namen gebende Trockensteg erstmals 1441. Dürers Bauaufnahme dokumentiert dessen Umbau (oder Neubau) von 1493. Der Rat versah damals den Trockensteg mit Schoßgattern und Ketten, band ihn in das Fortifikationswerk ein. Vielleicht war es dieser Charakter eines eben fertiggestellten Neubaues, der das Interesse des Zeichners Dürer erregte.
Der Name "Trockensteg" kommt sicher von der Überdachung her: Fußgänger konnten selbst bei Unwetter "trocken" über den Fluss gelangen. Erst 1810 brach man den Trockensteg ab und ersetzte ihn 1825 durch den bis heute bestehenden eisernen Kettensteg. Rechts, am Nordufer der Pegnitz, erkennt man mehrere Wassermühlen. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg standen sie an dieser Stelle. Über die Wehrmauer, links von der Baumgruppe, lugt das Dach des zum Heilig-Kreuz-Pilgerspital gehörenden Kirchleins (Johannisstraße 20-24; im Zweiten Weltkrieg zerstört). Der hohe schlanke Turm rechts mit dem spitzen Dachhelm ist der gotische Neutorturm - erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts erhielt er durch Ummantelung seine heutige massige Rundform. Rechts von der Baumgruppe erkennt man ein kleines Zeltdach mit einer Kugel als Bekrönung. Es gehört zum Hallertürlein, durch das man zu Fuß bis heute durch die Stadtmauer auf die Hallerwiese und zur "Weidenmühle" (Paris, Bibliothèque Nationale, Département des Estampes et de la Photographie, Inv. Cote B 13 rés) gelangt.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 34, S. 190.
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