Kluge Jungfrau
Albrecht Dürer
um 1495
Auf seiner Reise in den Süden fand Dürer ein weites Feld an exotischer und modischer Bekleidung vor. Die hier dargestellte junge Frau ist wohl eher zufällig als in gedanklicher Vorbereitung eines Gemäldes oder Stiches entstanden. Viel zu sehr steht das skizzenhafte, rasche Festhalten einer sehr nobel gekleideten Frau im Vordergrund; die nach oben gerichtete Öllampe scheint zu rasch hinzugefügt, um als Attribut einer "Klugen Jungfrau" wirklich ernst genommen zu werden. Größte Aufmerksamkeit wurde dem Kopfputz, dem Leibrock mit Bluse und dem Schmuck zuteil, die als typische Tracht in Friaul und Oberitalien identifiziert wurden.
In dem bei Matthäus 25, 1-13 geschilderten Gleichnis erzählt Jesus von fünf klugen Jungfrauen, die den Bräutigam mit gefüllten Öllampen erwarten, und fünf törichten Jungfrauen, die der Ankunft des Gemahls unvorbereitet mit leeren Lampen entgegengehen und deshalb von ihm nicht erkannt werden. Das Thema war sowohl in Form von Einzelfiguren als auch in seinem Zusammenhang unter anderem durch mehrere Versionen #Martin Schongauers bereits vorbereitet. Möglicherweise lebt auf dem Albertina-Blatt noch in Italien Dürers Erinnerung an die fünfte Kluge Jungfrau (B 81) aus Schongauers Stichserie "Die fünf Klugen Jungfrauen" (B 77-81) weiter, sieht man von dem durch den Kupferstich bedingten Gegensinn und von der Ganzfigurigkeit ab, in Profilansicht, Gesichtstyp und ähnlicher Händehaltung unserer Zeichnung nahesteht. Nicht auszuschließen ist, dass unsere Zeichnung ursprünglich ebenso ganzfigurig gezeichnet war und die untere Partie einer späteren Beschneidung des Blattes zum Opfer gefallen ist. Gemeinsamkeiten mit dem erwähnten Kupferstich Schongauers betreffen allerdings nur den Figurentypus; in der Umdeutung der Figur auf der Albertina-Zeichnung durch ein real gesehenes Modell geht Dürer über sein Vorbild hinaus, ganz im Gegensatz zu einer von ihm auf einer Wanderschaft gezeichneten und ehemals aus der Graf Seilern'schen Sammlung in das Courtauld Institute in London gelangten Zeichnung (W 31). Hier lässt sich Dürer noch nicht von modischen Details leiten, sondern es steht hier vielmehr die sorgfältige Modellierung der Gewandfalten mit kurzen Federstrichen, die ohne das stilistische Vorbild Schongauers nicht denkbar wäre, im Vordergrund. Der Kopfputz der jungen Frau auf unserer Zeichnung kehrt im Übrigen auf Dürers um 1498 entstandenen Kupferstich "Herkules am Scheidewege" (B 73) bei einer zu einem Stangenhieb ausholenden, antikisch gekleideten Frauengestalt wieder. Dieser Stich übernimmt die Frauengestalt nahezu ident aus einer Zeichnung Dürers (W 58) nach einem heute verlorenen Kupferstich #Mantegnas, "Der Tod des Orpheus". Besagte Nachzeichnung wurde von Dürer 1494, in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft des vorliegenden Blattes, ausgeführt. Wiederum wird deutlich, wie eng einzelne in Italien oder kurz davor entstandene Frühwerke Dürers mit seinen später ausgeführten Arbeiten in Verbindung stehen (siehe auch Inv. 3060 und Inv. 3061).
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 24, S. 166.
