Lucretia (Vorstudie für das Gemälde "Selbstmord der Lucretia")
Albrecht Dürer
1508
Die für ihre Schönheit und Tugendhaftigkeit berühmte Römerin Lucretia nahm sich mit einem Messer das Leben, nachdem sie von Sextus Tarquinius, dem Sohn des etruskischen Königs, vergewaltigt worden war. Die öffentliche Entrüstung über ihren Selbstmord und deren Ursache führte zum Fall der Monarchie und zur Gründung der römischen Republik.
Dürer zeigt Lucretia in dieser Hell-Dunkel-Zeichnung nackt und statuengleich auf einer Konsole stehend. Mit einem dichten Netz von Deckweißschraffuren modelliert er die Figur und unterstreicht ihre Plastizität. Zehn Jahre später griff Dürer für ein Gemälde auf diese Studie zurück. Die Haltung des Armes jedoch übernahm er dafür nicht, sondern entwarf in der Armstudie mit Dolch eine Pose, die den Akt des Selbstmords im Gemälde noch stärker zu dramatisieren vermochte.
Known for her beauty and as a paragon of virtue, the Roman woman Lucretia committed suicide with a knife after being raped by Sextus Tarquinius, the son of the Etruscan king. The public outrage over her suicide and its causes led to the fall of the monarchy and the founding of the Roman Republic.
In this chiaroscuro drawing, Dürer shows Lucretia nude and statue-like standing on a console. Her body is modeled with a network of opaque white hatchings, enhancing the figure’s three-dimensional character. Dürer consulted this study some ten years later for a painting of Lucretia. He altered the position of the arm, creating a pose in his Study of an Arm with a Dagger that would lend the act of suicide an even greater degree of drama.
Der Selbstmord der römischen Heldin Lucretia zählt zu den oft zitierten Beispielen weiblichen Heldenmuts: Nachdem Lucretia vom Königssohn Sextus Tarquinius vergewaltigt worden war und sie den Vorfall ihrem Vater, ihrem Gatten und zwei Freunden enthüllt hatte, wählte sie den Freitod. Dies soll der Anlass zum Sturz des römischen Königtums gewesen sein. Lucretia wurde zum Symbol der Keuschheit, der Treue bis in den Tod und auch der Vaterlandsliebe. Die Tragödie inspirierte besonders die italienischen Frühhumanisten, darunter die Literaten #Boccaccio, #Dante und #Petrarca.
Dürer importierte das zuvor in der deutschen Kunst unbekannte Thema aus Italien. Die 1508 datierte Pinselzeichnung zeigt die plastisch und zugleich statuarisch wirkende Aktfigur der Heldin in wohl ausponderiertem, antikischem Kontrapost auf einer Konsole stehend vor einem dunklen Hintergrund, vielleicht einer Nische. Den Dolch hat sie sich bis zum Griff in den Leib gerammt.
Dürer brachte Lucretia erstmals, noch vor #Cranach und #Baldung, als ganzfigurigen Akt, was die unterschiedlichen mit dem Stoff einhergehenden Konnotationen treffend zu charakterisieren vermochte: Lucretias Nacktheit deutet sowohl auf die Schönheit hin, von der sich Tarquinius zu der Gewalttat verleiten ließ, als auch auf die Schändung ihres Leibes bei der Vergewaltigung; sie steht aber auch für die Reinheit, die Lucretia durch den Freitod wiedererlangte. Dabei ist jedoch dem erzählerischen Motiv das figürliche übergeordnet: Nichts deutet auf die Historie hin, allein der sich erdolchenden weiblichen Gestalt ist das Blatt gewidmet. Diese ist eine der letzten Beispiele in einer längeren Entwicklungsreihe zur weiblichen Aktdarstellung, die in der Madrider "Eva" kulminiert. Sie entspricht den Idealmaßen damaliger Konstruktion: Ihr Kopf ist exakt sieben Mal in der Gesamtlänge des Körpers enthalten, ihre Scham bildet genau die Körpermitte.
Über eine mögliche Vorlage zu der Bilderfindung wurde Verschiedenes gemutmaßt. Während Thausing und Justi annahmen, dass das Motiv auf eine Modellstudie zurückgehe, erwog Suida einen Zusammenhang der Entstehung mit #Leonardos "Leda". Stechow konnte dagegen zeigen, dass das Motiv der Heldin als Einzelfigur um 1505 in Italien, insbesondere im Umkreis des späteren Papstes #Leo X., auftaucht. Er wies auf ein frühes Gemälde von #Sodoma im Kestner-Museum, Hannover, hin, das eine motivisch weitgehend ähnliche, wenn auch bekleidete Lucretia zeigt, was dafür sprechen mag, dass beiden Werken eine gemeinsame Vorlage zugrunde lag. Ob die Anregung von einer heute nicht mehr nachweisbaren, römischen Statue ausging, lässt sich nicht mehr feststellen. Hinweise auf eine gemeinsame Vorlage vermitteln jedoch ein Holzschnitt aus dem "Triumph des Caesars" des #Jakob von Straßburg, der 1504 in Venedig erschienen ist, sowie ein Stich von #Meister S mit einer Lucretia um 1505-1510 (Hollstein 419) und eine Radierung #Jacopo Francias um 1510 (Hind 42/3), die eine ebenfalls in einer Nische stehende nackte Lucretia zeigt.
Bemerkenswert ist, dass Dürer eine bewusst illusionistisch angelegte, auf plastische Mehransichtigkeit abzielende "Lucretia" zeichnerisch erschuf und das klassische Thema in einem Zitat der reinsten klassischen Form darzustellen verstand: Als Statue auf den Sockel gehoben, beförderte er die Figur der Lucretia quasi gleichrangig neben die klassischen weiblichen Ideale und erhob sie so in den Rang etwa einer Venus. Dabei stellte er dem antiken Frauenideal, das vor allem aufgrund seiner Schönheit bewundert wurde, eine Tugendallegorie im Kleide heroischer Nacktheit an die Seite: Das ganze Mittelalter hindurch galt Lucretia als Sinnbild der "pudicitia", der Sittsamkeit sowie Unantastbarkeit und veranschaulichte damit eine der Haupttugenden der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frau.
Die Darstellung der Heroine als Nischenfigur muss aber auch unter einem weiteren Blickwinkel gesehen werden. Die dargestellte Lucretia tritt als zeichnerisches Ebenbild einer Statue mit der Gattung Plastik im Sinne des Paragone in den künstlerischen Wettstreit. Entsprechend wählte Dürer für die Zeichnung die den "plastischen" Effekt besonders begünstigende venezianische Technik auf grün grundiertem Papier mit Weisshöhungen und übersetzte das patriotische Symbol in seine Formensprache.
Wohl aus der gleichen Zeit wie die "Lucretia" stammt die detaillierte Armstudie mit dem Dolch (Inv. 3118; W 435). Beide Zeichnungen wurden als Vorarbeiten für das 1518 datierte Gemälde "Selbstmord der Lucretia" (München, Alte Pinakothek; A 137; https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/7yxYbJwLYm§) verwendet. Ungeklärt bleibt jedoch, ob Dürer bereits 1508 intendierte, ein Ölbild der Lucretia zu schaffen und ob er im Zuge der damit verbundenen Planung die Armstudie als realistischeren Alternativvorschlag einer Erdolchung entwarf. Die im Inventar Albert von Sachsen-Teschens und bei Heller als eigenhändig beschriebene Kopie der "Lucretia" befindet sich noch heute in der Albertina (D, Bd. 1, II. Garn., Vol. 1, Nr. 7).
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 121, S. 373-376.
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