Maria mit Kind (Maria lactans)
Albrecht Dürer
1512
Für diese großformatige Kohlezeichnung einer das Kind stillenden Maria griff Dürer auf bereits zuvor entwickelte Konzepte zurück, die er zum Teil seit Jahren in seiner Vorlagensammlung verwahrte und die auch seiner Werkstatt verfügbar waren. Das Motiv des strampelnden Kindes etwa findet sich bereits in der von seinem Mitarbeiter Hans Baldung Grien nach Dürers Vorgaben ausgeführten Madonna mit der Iris. Die Zeichnung selbst wurde ihrerseits Teil des Werkstattfundus und diente Sebald Beham als Vorlage für einen Holzschnitt.
Dürer hat sich dem Thema der das Kind stillenden Gottesmutter mehrmals gewidmet und es sowohl in Öl als auch im Kupferstich umgesetzt.
For this large-format charcoal drawing of a Maria lactans, Dürer made use of concepts he had developed long before and which in part were available to him and the members of his workshop in his collection of models. The motif of the child thrashing about can be found in the Madonna with the Iris that his employee Hans Baldung Grien executed according to Dürer’s specifications. The drawing itself entered Dürer’s collection of workshop models, where it served as the source for a woodcut by Sebald Beham.
Dürer occupied himself with the subject of the nursing Madonna on several occasions, realizing it as an oil painting as well as an engraving.
Das Motiv der stillenden Gottesmutter erfreute sich aufgrund seiner großen Emotionalität in der spätmittelalterlichen Marienverehrung seit dem 14. Jahrhundert besonderer Beliebtheit. Dürer führte in seinem Sortiment ab 1503 einen kleinen Kupferstich einer "Maria lactans" (Bartsch 7, 34), von dem bereits #Vasari begeistert schrieb, Dürer habe nicht nur #Schongauer, sondern sich selbst übertroffen.
Die groß angelegte Kohlezeichnung von 1512 orientiert sich jedoch nicht - abgesehen vielleicht von der gut beobachteten Schilderung von Brust, Köpflein und helfender Hand - an dem Stich, der die stillende Madonna auf einer Rasenbank vorstellt. Auch das in der Literatur der Zeichnung der Albertina häufig gegenübergestellte Gemälde "Madonna mit dem Zeisig" von 1506 (A 94), das Dürer während seines zweiten Aufenthaltes in Italien malte und das sich heute in Berlin befindet (Staatliche Museen, Gemäldegalerie), hat abgesehen vom Bildausschnitt, ebenfalls wenig mit dem Blatt gemein. Das Gemälde zeigt das lehrende Christuskind auf dem Schoß seiner von Engeln bekrönten Mutter, umschrieben von einer Vielzahl mariologisch und christologisch deutbarer Details. Die Zeichnung dagegen wirkt nicht nur aufgrund des Still-Motivs privater. Die Komposition ist vollständig auf das Hauptmotiv konzentriert. Weder Nebenakteure noch Attribute überhöhen Mutter und Kind, sie werden nicht der irdischen Realität entrückt. Vielmehr erscheinen beide ganz lebensnah und natürlich.
Die minutiöse Ausformulierung auch noch so feiner Details befördert die Nähe und Intimität der Darstellung. Die Spannung zwischen dem glücklichen Lächeln der Stillenden und dem sorgenvoll in die Zukunft gerichteten Blick der Gottesmutter eröffnet dem Betrachter den Zugang zu einem höchst privaten Moment. Mit sparsamsten Mitteln, allein über den Ausdruck der um die zukünftige Passion ihres Sohnes wissenden Mutter gelingt es Dürer, die vormals über die Ikonografie erschlossenen Inhalte ins Bild zu setzen. Behaglichkeit und mütterliche Hingabe, wie sie die Stiche der "Maria lactans" (Bartsch 7, 34 und 36) überzeugend vorstellen, sind hier nicht intendiert. Dürer widmet sich hier den Seelennöten der Mutter und enthebt Maria aus der Rolle der demütigen Ernährerin Jesu zu einer eigenständigen Persönlichkeit.
Es ist wahrscheinlich, dass das relativ große Blatt im Laufe der Zeit beschädigt und am oberen Rand beschnitten wurde. Dabei mag das originale Datum weggefallen sein, zumindest gilt die Jahreszahl oben links als von fremder Hand. Aufgrund der Ähnlichkeit des kindlichen Oberkörpers zum späteren, in der Wiener Zeichnung (W 542) vorbereiteten Kupferstich der stillenden Madonna von 1519 (Bartsch 7, 36) vermutete Thausing, dass die Zeichnung im selben Jahr entstand. Damit konnte er sich aber nicht durchsetzen.
Die detailreiche, bildmäßige Ausgestaltung des Blattes, das für eine Zeichnung ungewöhnlich große Format und der in Dürer-Zeichnungen seltene, in Gemälden jedoch häufiger gewählte Bildausschnitt der Halbfigur sprechen dafür, dass es sich bei der Zeichnung um eine Studie zu einem nicht ausgeführten Gemälde handelt. Zumindest haben mehrere Künstler nach Dürer auf die Vorlage zurückgegriffen. Das Christuskind findet sich im Gemälde der "Madonna mit der Iris" (London National Gallery), das wie #Daniel Fröschls Aquarell-Kopie der Zeichnung (heute in Wien, Kunsthistorisches Museum) ein Produkt der Dürer-Verehrung des späten 16. Jahrhunderts ist. #Sebald Beham schuf einen gegenseitigen Holzschnitt.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 129, S. 392.
Marienthemen nehmen in Dürers Werk einen breiten Raum ein. Abgesehen von Marienzyklen, wie dem 1496 ausgeführten und in Teilen in München und Dresden aufbewahrten Altar "Sieben Schmerzen und Sieben Freuden" und der 1511 veröffentlichten Holzschnittserie "Marienleben", widmete sich Dürer auch immer wieder dem Einzelthema "Maria mit dem Kind". Bereits 1503 schuf er den kleinen Kupferstich "Maria lactans", und 1506 malte er ganz nach italienischem Vorbild die sich heute in der Berliner Gemäldegalerie befindliche "Madonna mit dem Zeisig".
Die vorliegende Darstellung ist nur im Zeichnungsstadium überliefert. Das Blatt ist 1512 datiert und fällt damit in das Jahr, ab dem Dürer für den kaiserlichen Hof hauptsächlich mit Monumental- und Dekorationsaufgaben beschäftigt war. Eine gewisse Monumentalität erfasst auch diese Zeichnung. Sie ist, die Beschneidungen noch nicht einmal eingerechnet, ungewöhnlich groß und nimmt hinsichtlich ihres Formats eine Reihe von Porträts und Figurenstudien, die ab 1518/19 entstanden sind, vorweg. Auch der Kohlestift, den Dürer im Spätwerk gelegentlich verwendet, bringt die Zeichnung mit solchen Blättern in Verbindung.
In der Art der Wiedergabe des Sujets strahlt die Zeichnung allerdings eine gewisse Anmut aus und steht damit der Auffassungsstrenge der späteren Werke entgegen. Durch die Größe des Formats wirkt die Zwanglosigkeit und Wirklichkeitsnähe der Darstellung noch präsenter und unmittelbarer. Der glückliche Gesichtsausdruck der Madonna und die Schilderung der beim Stillen helfenden Hand erscheinen so lebensnah, dass man Dürers persönliche Beobachtung einer stillenden Mutter voraussetzen möchte. Sicherlich handelt es sich dabei aber nicht um Dürers Ehefrau Agnes, denn die Ehe der beiden blieb kinderlos.
Ein nach dieser Zeichnung ausgeführtes Werk Dürers ist nicht bekannt. Möglicherweise ist das Blatt, wie viele andere Projekte angesichts der vielfältigen Aufgaben für den Kaiser auch, im Entwurfsstadium liegen geblieben oder seine weitergehende Ausführung ist verloren gegangen. Jedenfalls diente die Zeichnung als Vorbild für andere Künstler, v. a. im ausgehenden 16. Jahrhundert, als im Zuge der zunehmenden Dürer-Verehrung Künstler wie #Daniel Fröschl und #Sebald Beham auf die Komposition Dürers zurückgriffen.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 11.
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