Männliche Proportionsstudie in Profil- und Vorderansicht
Albrecht Dürer
um 1513
Dürers analytische Vorgehensweise auf der Suche nach dem Maß des Menschen zeigt die um 1513 entstandene Männliche Proportionsstudie in Profil- und Vorderansicht. Auf der einen Seite befindet sich die hier gezeigte Konstruktions- und auf der anderen eine Reinzeichnung. Der breit proportionierte Mann von acht Kopflängen ist in zwei Ansichten wiedergegeben, wie es auch in der kurz nach Dürers Tod 1528 erschienenen Druckfassung der Proportionslehre Standard sein sollte. Die peniblen Aufschriften definieren mittels Bruchzahlen die auf die Körperlänge ‒ vom »Scheitell« über die »Arspacken« bis zur »Solen« ‒ bezogenen Maßverhältnisse, die aus gemittelten Ergebnissen von Messungen an lebenden Modellen gewonnen wurden.
Study of Male Proportions in Profile and Front View from around 1513 demonstrates Dürer’s analytical procedure in pursuit of human measurement. The construction drawing shown here is on one side of the sheet, the final drawing on the other. A broadly proportioned man of eight head lengths is presented in two views as would be the standard in the printed Four Books on Human Proportion published shortly after Dürer’s death in 1528. The painstaking inscriptions provide fractions of the total body height based on measurements of living models from top to buttocks to toe.
Das Blatt ist ein Beispiel des unendlichen Fleißes und Scharfsinns, den Dürer in seinem zweiten Anlauf für eine Proportionslehre des Menschen aufbrachte. Waren seine ersten Studien im Rahmen des Adam-und-Eva-Projektes (vgl. Inv. DG1930/1450, DG1930/1451; Inv. 3080r, 3080v; Inv. 3081r, 3081v) ikonographisch fundiert (vgl. Apollon, Adam), sind es nun anonyme schematische Körper, männlich und weiblich, meist in den drei Hauptansichten, die für die Verwendung im Bild ungeeignet sind.
Dafür bedurfte es empirischer Daten, die er offenkundig durch Messungen zahlreicher lebender Modelle gewann, wobei er Mittelwerte der besonders gefälligen Glieder und Körperteile zur Gewinnung des möglichst vollkommenen Typs zusammenstellte. Diese trug er mittels Bruchzahlen in die Körperschablonen ein (z.B. 9 für 1/9 der Gesamtlänge), berücksichtigte dabei, unter Beachtung der vitruvischen Grundregel (Verhältnis Kopf-/Körperlänge), die verschiedenen körperlichen Konstitutionen: leptosome, athletische, pyknische. Es war eine in Graphik umgesetzte Datenerfassung und -verarbeitung größten Umfangs, die in den Naturwissenschaften der Epoche einzigartig sein dürfte.
Die Zeichnung zeigt einen breiten Mann von acht Kopflängen in den üblichen, für die Druckversion übernommenen Ansichten (hier ohne den separat im Profil wiedergegebenen Arm). An einigen Stellen sind die Körperkurven auf- oder abgerundet; wie Dürer sich endlich entschied, zeigt die von Einträgen und Messdaten befreite Gegenseite. Die Messstellen sind in der Vertikalen zusätzlich verbalisiert in einer umgangssprachlichen Nomenklatur (etwa: "ent des pawchs", "awff dem schwantz", "ent der arspacken"), die für die Druckversion von Pirckheimer taktvoll revidiert wurde ("der scham", "deß hintren").
Typus und Maße des 'Vierschröters' sind weitgehend identisch mit einer vollständigeren Ausfertigung - inklusive Arm- und Rückansicht - in London (Strauss HP: 1514, 8/9; Rupprich 1966, S. 216f., Nr. 28).
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 69, S. 264.
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