Bildnis eines jungen Mannes
Albrecht Dürer
1508
Dürer fertigte Porträtzeichnungen in Kreide, Kohle, Tinte und mit Silberstift und war immer bemüht, alle Möglichkeiten der jeweiligen Technik auszuschöpfen. Im Bildnis eines Afrikaners, das 1508 entstand, verwendete er eine scharf gespitzte schwarze Kreide, um die Einzelheiten von Gesicht, Haupt und Barthaar in klaren Linien zu erfassen. Für die Modellierung des Gesichts verwischte er die Kreide und verlieh der Haut dadurch einen samtenen Glanz.
Dürer used chalk, charcoal, ink, as well as silverpoint to produce his portrait drawings and always strove to exhaust all the possibilities inherent to each technique. He drew his 1508 portrait of an African in black chalk sharpened to a point in order to capture the individual aspects of the man’s face, head, and beard in clear lines. Molding the face by wiping the passages in question, he lent the skin a velvety sheen.
Dürers Faszination für das Fremde und sein Interesse an exotischen Menschen, Tieren oder Kostümen werden nicht nur durch viele seiner Werke, sondern auch durch zahlreiche Äußerungen belegt. So berichtete er von seiner Reise in die Niederlande 1520/21, er hätte am Hofe #Karls V. wunderbare Kunstwerke und fremdartige Gegenstände gesehen: "Und ich hab aber all mein Lebtag nichts gesehen, das mein Hercz also erfreuet hat als diese Ding […] und hab mich verwundert der subtilen jngenia der Menschen in fremden Landen" (Rupprich 1956, 155).
Wo Dürer dem dunkelhäutigen Mann begegnete - ob in Venedig oder doch in seiner Heimatstadt Nürnberg, die rege Handelsbeziehungen in alle Welt unterhielt -, ist nicht überliefert, doch dürfte die Kopfstudie die älteste erhaltene Bildniszeichnung eines Schwarzen in der europäischen Kunst sein. Die an den oberen Blattrand gesetzte Datierung "1508" und das Monogramm Dürers gaben in der Forschung mehrfach Anlass zur Diskussion über deren Eigenhändigkeit und die Möglichkeit, dass die Beschriftung abgerieben und später "aufgefrischt" (Flechsig 1931 und Winkler) oder sogar von fremder Hand "nachgetragen" (Tietze/Tietze-Conrat 1937) wurde. Da sich die weiche Modellierung des Inkarnats in ihrer malerischen Auffassung von Dürers 1508 entstandenen linienbetonten Studien zum Heller-Altar beträchtlich unterscheidet, erachteten Tietzes die Datierung als nicht eigenhändig und plädierten für eine Einordnung um 1515, als Dürer eine Reihe bildmäßig abgeschlossener großformatiger Porträtzeichnungen schuf. Heinrich Theodor Musper (1952) hielt wie Winkler an der frühen Datierung fest und sah eine Entstehung während Dürers zweitem Venedigaufenthalt (1505-1507) als wahrscheinlich an. Fritz Koreny (1999) betonte, dass sowohl der Bildnistypus als auch die Schreibweise des Monogramms und der Ziffer 5 im Datum für Dürers in und nach Venedig entstandene Arbeiten charakteristisch wären.
Neben seinem Interesse für das fremdländische Aussehen diente die Porträtstudie Dürer wohl auch als Motivsammlung für die Figur des Mohrenkönigs in Darstellungen der "Anbetung der Heiligen Drei Könige".
Dürer - Cranach - Holbein. die Entdeckung des Menschen; das deutsche Porträt um 1500; eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München; Kunsthistorirsches Museum Wien, Wien 2011, S. 98, Abb. 48.
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