Albrecht Dürer, Entwurf zu einer Hoftracht, Inv. Nr.: 3147r
Entwurf zu einer Hoftracht
Albrecht Dürer, Entwurf zu einer Hoftracht, Inv. Nr.: 3147r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Entwurf zu einer Hoftracht

Albrecht Dürer

1515




Die drei Blätter (Inv. 3148, Inv.3147r, Inv. 3146) zeigen ein und dasselbe Gewand. Es besteht aus einem grau-schwarzen Mantel, der mit einer ockergelben (goldenen) Borte eingefasst wurde. Darunter kommt ein hellgrünes Innenfutter zum Vorschein. Der Materialluxus – man erkennt Seidensamt und Seidendamaste, golddurchwirkte Besatzstreifen und Quasten – legt nahe, dass Dürer sie im Auftrag des Kaiserhofes ausarbeitete, vielleicht zur Ausstattung eines Festes.


Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1515
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun, aquarelliert
Dimensions28,9 x 20,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3147r
Inscribedr.u. "180"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Watermarkkein WZ
Text
Die drei Blätter (Inv. 3146, Inv. 3147r, Inv. 3148), von denen eines beidseitig genutzt ist, zeigen vier männ­liche Kostümfiguren, die seit den Anfängen der Dürerforschung als Hof­trachten gelten. 1827 beschrieb Joseph Heller Inv. 3148 als »Die Kleidung eines Dieners des Kaisers Maximilian; das Oberkleid ist schwarz und mit Gold besetzt, und unter demselben ein grünes«. In Inv. 3147r erkannte er »Die Kleidung eines Dieners am Hofe eines österreichischen Erz­herzogs, das obere ist schwarz und mit Gold besetzt, das untere grün«, und in Inv. 3146 einen »Diener in derselben Tracht, aber vom Rücken zu sehen« (Heller 1827, Bd. 2, S. 116, Nr. 124–126). Bei der Bestimmung standen Heller die von Fürstenhöfen des ausgehenden 15. und frühen 16. Jahrhunderts überlieferten Entwürfe zu Hofgewändern vor Augen, die frühzeitig das Interesse der Kostümkunde fanden und von denen einige bereits 1818 im siebten Band der von Christian August Vulpius in Weimar herausgegebenen Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch­historischen Vor- und Mitwelt vorgestellt worden waren.

In einer Zeit, in der die Kostümforschung noch ganz an ihrem Anfang stand, war damit für Dürers Kleidungsstudien eine Festlegung getroffen, die bis heute nicht grundsätzlich hinterfragt worden ist. Die Einschätzung Hellers wurde später insofern korrigiert, als man erkann­te, dass es sich bei den grünen Partien nicht um ein darunter getrage­nes Kleidungsstück, sondern um das Innenfutter handelt. Die Unter­scheidung zwischen Kostümen für den Kaiserhof und denen für den Hof eines Erzherzogs wurde aufgegeben zugunsten der – überwiegen­den – Annahme, dass die Blätter unterschiedlich durchbildete Studien und wechselnde Ansichten ein und desselben Gewandes zeigen. Insge­samt jedoch standen bei der Diskussion der Zeichnungen, von denen zwei die Jahreszahlen 1515 bzw. 1517 und das Dürer-Monogramm tragen, Zuschreibungs-und Datierungsfragen im Vordergrund. Hinsichtlich ihrer Funktion rätselte man allenfalls über Auftraggeber und Anläs­se, für die Hochzeiten am Kaiserhof ebenso vorgeschlagen wurden wie die mögliche Darstellung eines Hofnarren des Bischofs von Bamberg. Zuletzt erschienen die Blätter im Katalog der Wiener Dürer-Ausstellung 2003 als »Serie von Hoftrachten, die Dürer im Auftrage des Kaiserhofes zur Ausstattung eines Festes um 1515/17 lieferte«.

Auch wenn eine eindeutige Bestimmung der Entwürfe ohne wei­tere Quellen nicht zu erwarten ist, stellt sich auf der Grundlage des­sen, was wir heute über die Lesbarkeit von Kleidung im Bild wissen, die Frage nach ihrer Einordnung neu. War das in hohem Maße durch aufwendige Materialien, Stofffülle und ständischen Dekor definierte Gewand für einen Hofbediensteten oder gar einen größeren Hofstaat überhaupt denkbar? Immerhin lässt die Zeichnung Inv. 3148, bei der die textilen Oberflächen am weitesten ausgearbeitet sind, für den Gewand­stoff an Seidensamt denken, der in der Wertschätzung der Materialien gleich nach den führenden Goldstoffen folgte. Auch bei dem grünen Futter, das ja keineswegs nur Innenfutter war, sondern im bewussten Spiel von innen und außen beim Tragen wirkungsvoll zur Geltung kam, handelt es sich um Seide. Die bei Inv. 3147r angedeutete Musterung legt einen Seidendamast nahe, der als deutlich kostbarer galt als ungemus­terte Seiden. Zum Materialwert als solchem kam als Merkmal ständi­scher Distinktion die verwendete Stoffmenge, und auch hier lassen die Entwürfe keinerlei Zurückhaltung erkennen. Große Mengen kostbarer Seiden erforderten bei dem vom Typus her als Rock oder Schaube anzu­sprechenden Gewand die weiten Hängeärmel sowie der auffällig breite Kragen, der fast das gesamte Rückenteil bedeckt. Dürer widmete ihm in der Rückenfigur eine eigene Ansicht, die den dekorativ zusammenge­haltenen Überwurf nicht nur als virtuos konstruierte Draperie, sondern auch als markantes Standeszeichen in den Mittelpunkt rückt. In den vestimentären Hierarchien ganz oben waren zudem die mit erheblichen Anteilen an Goldfäden zu denkenden Besatzstreifen angesiedelt, deren Exklusivität durch ihre Anzahl und Breite erkennbar ist. Hinzu kom­men Quasten, wie sie etwa auch am Papstmantel von Dürers Allerhei­ligenbild von 1511 (Wien, KHM, Inv. GG 838) begegnen, während die Besätze farblich und motivisch denjenigen der Prunkschabracken beim Großen Triumphwagen (Inv. 15423) ähneln.

Für den landgräflich-hessischen Hof um 1500 wurden jüngst kon­krete Daten zu Material-und Qualitätsunterschieden zwischen der fürstlichen Kleidung und der Kleidung des höfischen Personals vor­gelegt. Einkaufslisten und Rechnungen zeigen, dass für den Hofstaat Wolltuche die Regel waren. Samt, der mindestens doppelt so teuer wie die besten Wolltuche war, blieb den Fürsten vorbehalten, und wer, wie Landgraf Philipp der Jüngere, dagegen verstieß, musste sich den Vor­wurf gefallen lassen, »dass bei ihm am Rhein selbst das Gesinde in Samt und Seide und nicht im angemessenen englischen Tuch gekleidet sei« (Selzer 2010, S. 117). Auch wenn man berücksichtigt, dass die Kleider­kultur am Kaiserhof den Aufwand eines Landesfürsten übertraf und Dürers Entwürfe wohl nicht für alle Bediensteten umgesetzt werden sollten, stellt sich die Frage, ob ein dem italienischen robone des frühen 16. Jahrhunderts nahestehendes Luxusgewand mit expliziten Würdefor­meln wie dem großen Kragen-und Ärmelmotiv und den effektvollen Wechseln von »innen« und »außen« nicht auch das Maß eines kaiserli­chen Hofstaates übertroffen hätte.

Am Ende bleibt die Überlegung, ob den Zeichnungen notwen­digerweise ein Kostümauftrag zugrunde lag oder ob es sich nicht um Bekleidungsstudien handeln könnte. Die unterschiedlichen Posen und Typen – dreimal barhäuptig, einmal mit Barett – sowie die wechselnden Schuhformen würden dem nicht entgegenstehen. Die eindeutig lesbaren Rangzeichen des Gewandes aber fügten sich in das Vokabular der seit den 1490er-Jahren entstandenen Kostümbilder Dürers, die mit Darstel­lungen einheimischer und fremder, ständischer, vergangener und gegen­wärtiger Kleidungsformen zumindest im Ansatz die Intention späterer Trachtenbücher als Medium der Erfahrung und Vermittlung der Welt vorwegnahmen.


Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 85, S. 306.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 122
  • Winkler 687
  • Strauss 1517/10
  • Bibliography
  • AK Wien 1959, Nr. 409
  • AK Albertina 1971, Nr. 99
  • AK Albertina 2003, Nr. 149 (M. F. Müller)
  • Mentges 2007
  • Selzer 2010, S. 117-118
  • AK Albertina 2012, Nr. 85 (J. Zander-Seidel)
  • AK Dressed for Success. Matthäus Schwarz. Ein Augsburger Modetagebuch des 16. Jahrhunderts (Augsburg, Maximilian Museum), S. 43, Kat.-Nr. 36a (Christoph Emmendörffer)
  • Provenance
  • wohl Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • (Kein Hinweis auf Hofbibliothek im Alten Cahier III)
  • Online resources
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