Entwurf zu einer Hoftracht
Albrecht Dürer
1515
In einer Zeit, in der die Kostümforschung noch ganz an ihrem Anfang stand, war damit für Dürers Kleidungsstudien eine Festlegung getroffen, die bis heute nicht grundsätzlich hinterfragt worden ist. Die Einschätzung Hellers wurde später insofern korrigiert, als man erkannte, dass es sich bei den grünen Partien nicht um ein darunter getragenes Kleidungsstück, sondern um das Innenfutter handelt. Die Unterscheidung zwischen Kostümen für den Kaiserhof und denen für den Hof eines Erzherzogs wurde aufgegeben zugunsten der – überwiegenden – Annahme, dass die Blätter unterschiedlich durchbildete Studien und wechselnde Ansichten ein und desselben Gewandes zeigen. Insgesamt jedoch standen bei der Diskussion der Zeichnungen, von denen zwei die Jahreszahlen 1515 bzw. 1517 und das Dürer-Monogramm tragen, Zuschreibungs-und Datierungsfragen im Vordergrund. Hinsichtlich ihrer Funktion rätselte man allenfalls über Auftraggeber und Anlässe, für die Hochzeiten am Kaiserhof ebenso vorgeschlagen wurden wie die mögliche Darstellung eines Hofnarren des Bischofs von Bamberg. Zuletzt erschienen die Blätter im Katalog der Wiener Dürer-Ausstellung 2003 als »Serie von Hoftrachten, die Dürer im Auftrage des Kaiserhofes zur Ausstattung eines Festes um 1515/17 lieferte«.
Auch wenn eine eindeutige Bestimmung der Entwürfe ohne weitere Quellen nicht zu erwarten ist, stellt sich auf der Grundlage dessen, was wir heute über die Lesbarkeit von Kleidung im Bild wissen, die Frage nach ihrer Einordnung neu. War das in hohem Maße durch aufwendige Materialien, Stofffülle und ständischen Dekor definierte Gewand für einen Hofbediensteten oder gar einen größeren Hofstaat überhaupt denkbar? Immerhin lässt die Zeichnung Inv. 3148, bei der die textilen Oberflächen am weitesten ausgearbeitet sind, für den Gewandstoff an Seidensamt denken, der in der Wertschätzung der Materialien gleich nach den führenden Goldstoffen folgte. Auch bei dem grünen Futter, das ja keineswegs nur Innenfutter war, sondern im bewussten Spiel von innen und außen beim Tragen wirkungsvoll zur Geltung kam, handelt es sich um Seide. Die bei Inv. 3147r angedeutete Musterung legt einen Seidendamast nahe, der als deutlich kostbarer galt als ungemusterte Seiden. Zum Materialwert als solchem kam als Merkmal ständischer Distinktion die verwendete Stoffmenge, und auch hier lassen die Entwürfe keinerlei Zurückhaltung erkennen. Große Mengen kostbarer Seiden erforderten bei dem vom Typus her als Rock oder Schaube anzusprechenden Gewand die weiten Hängeärmel sowie der auffällig breite Kragen, der fast das gesamte Rückenteil bedeckt. Dürer widmete ihm in der Rückenfigur eine eigene Ansicht, die den dekorativ zusammengehaltenen Überwurf nicht nur als virtuos konstruierte Draperie, sondern auch als markantes Standeszeichen in den Mittelpunkt rückt. In den vestimentären Hierarchien ganz oben waren zudem die mit erheblichen Anteilen an Goldfäden zu denkenden Besatzstreifen angesiedelt, deren Exklusivität durch ihre Anzahl und Breite erkennbar ist. Hinzu kommen Quasten, wie sie etwa auch am Papstmantel von Dürers Allerheiligenbild von 1511 (Wien, KHM, Inv. GG 838) begegnen, während die Besätze farblich und motivisch denjenigen der Prunkschabracken beim Großen Triumphwagen (Inv. 15423) ähneln.
Für den landgräflich-hessischen Hof um 1500 wurden jüngst konkrete Daten zu Material-und Qualitätsunterschieden zwischen der fürstlichen Kleidung und der Kleidung des höfischen Personals vorgelegt. Einkaufslisten und Rechnungen zeigen, dass für den Hofstaat Wolltuche die Regel waren. Samt, der mindestens doppelt so teuer wie die besten Wolltuche war, blieb den Fürsten vorbehalten, und wer, wie Landgraf Philipp der Jüngere, dagegen verstieß, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, »dass bei ihm am Rhein selbst das Gesinde in Samt und Seide und nicht im angemessenen englischen Tuch gekleidet sei« (Selzer 2010, S. 117). Auch wenn man berücksichtigt, dass die Kleiderkultur am Kaiserhof den Aufwand eines Landesfürsten übertraf und Dürers Entwürfe wohl nicht für alle Bediensteten umgesetzt werden sollten, stellt sich die Frage, ob ein dem italienischen robone des frühen 16. Jahrhunderts nahestehendes Luxusgewand mit expliziten Würdeformeln wie dem großen Kragen-und Ärmelmotiv und den effektvollen Wechseln von »innen« und »außen« nicht auch das Maß eines kaiserlichen Hofstaates übertroffen hätte.
Am Ende bleibt die Überlegung, ob den Zeichnungen notwendigerweise ein Kostümauftrag zugrunde lag oder ob es sich nicht um Bekleidungsstudien handeln könnte. Die unterschiedlichen Posen und Typen – dreimal barhäuptig, einmal mit Barett – sowie die wechselnden Schuhformen würden dem nicht entgegenstehen. Die eindeutig lesbaren Rangzeichen des Gewandes aber fügten sich in das Vokabular der seit den 1490er-Jahren entstandenen Kostümbilder Dürers, die mit Darstellungen einheimischer und fremder, ständischer, vergangener und gegenwärtiger Kleidungsformen zumindest im Ansatz die Intention späterer Trachtenbücher als Medium der Erfahrung und Vermittlung der Welt vorwegnahmen.
Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 85, S. 306.
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