Der Große Triumphwagen
Albrecht Dürer
1518
Ein derartiger Triumphwagen diente der Verherrlichung des Kaisers, wurde in Wirklichkeit aber nie gebaut, sondern lediglich im Bild realisiert. Von antiken Vorbildern weicht Maximilians Triumphwagen in wichtigen Details ab: Maximilian zeigt sich nicht als antiker Imperator auf einer Quadriga stehend, sondern thront unter einem Baldachin und ist von seiner Familie umgeben. Dadurch werden die für den Kaiser wichtigen Aspekte von Abstammung und Dynastie betont. Bei der Figurenanordnung war Dürer an die Vorgaben Kaiser Maximilians für den Triumphwagen in seinem gemalten Triumphzug (Inv. 25246) gebunden. Die etwas erstarrt wirkende Komposition des Wagens mit der kaiserlichen Familie ist den strengen Anweisungen dieses Konzepts geschuldet. Im Kontrast dazu bewegen sich die zahlreichen Frauengestalten, die den Wagen begleiten, lebhaft und frei im Raum. Sie sollten die Tugenden des Kaisers versinnbildlichen. Diese humanistische Erweiterung des Bildprogramms folgt einem Konzept des Humanisten Willibald Pirckheimer, einem Freund Dürers. Der Große Triumphwagen wurde von Albrecht Dürer als monumentale kolorierte Federzeichnung ausgeführt und traf am 29. März 1518 beim Kaiser ein.
Dürers Skizze (Inv. 3140) zu einem Triumphwagen gilt als seine früheste erhaltene Vorarbeit für den 1516 begonnenen kaiserlichen Holzschnitttriumphzug. Das an drei Ecken beschnittene Blatt zeigt Maximilian I. unter einem geschwungenen Baldachin mit den Insignien seiner Macht (Doppelbügelkrone, Szepter und Palmzweig als Siegeszeichen, Sphaira auf einem Kissen zu seinen Füßen) zusammen mit seiner Familie auf einem von vier Pferden gezogenen Prunkwagen. Die dargestellten Familienmitglieder waren durch das von Marx Treitzsaurwein nach Maximilians Diktat niedergeschriebene Programm des Triumphzugs vorgegeben (Marx Treitzsaurwein: Verzeichnis der von Maximilian I. verfassten und geplanten Werke; Wien, ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken Cod. 2835). Ihre Gruppierung unterscheidet sich lediglich in einem Detail von der themengleichen Darstellung im Miniaturentriumphzug (Inv. 25246): Maximilians erste Gemahlin Maria von Burgund sitzt nicht wie dort mit ihrer Tochter Margarete vor dem Kaiser, sondern thront (bedeutungsperspektivisch verkleinert) zu Maximilians Linken. Margarete sitzt hingegen zusammen mit ihrem Bruder Philipp und dessen Frau Johanna auf einer Bank, davor sitzen wie in der Miniatur deren Söhne, die späteren Kaiser Karl und Ferdinand, vor denen ihre vier Schwestern Eleonore, Isabella, Maria und Katharina Platz genommen haben. Maximilians Anweisung im Konzept zum Triumphzug (1512), wonach Karl als zukünftiger Thronfolger eine Krone tragen sollte, wurde von Dürer im Unterschied zu seiner farbigen Zeichnung von 1518 (Inv. 15423) und zur Miniatur jedoch nicht berücksichtigt. Im Kontrast zu den etwas steif wirkenden Familienmitgliedern stehen das üppige Dekor des Wagens und die locker skizzierten, dahinsprengenden Pferde sowie ihre sie mit Peitschen antreibenden Reiter.
Die übliche Datierung der Federzeichnung um 1512 basiert neben stilistischen Gründen auf dem im Februar dieses Jahres dokumentierten Besuch Maximilians I. in Nürnberg. Sie entstand jedenfalls sicher vor 1516, da Maximilians Enkel Karl in diesem Jahr König von Spanien wurde und ab diesem Zeitpunkt kaum mehr mit einem Erzherzogshut zu Füßen seines Großvaters sitzend dargestellt worden wäre. Auch halten die Prinzessinnen keine Szepter, möglicherweise ein Hinweis darauf, dass sie zum Zeitpunkt der Zeichnung noch nicht verheiratet waren, was allenfalls eine Entstehung bis 1515 bedingt (Thomas Schauerte in: Schoch II, S. 482).
Der sog. Große Triumphwagen folgt sowohl in seiner gezeichneten als auch in seiner Holzschnittfassung hingegen dem neuen Konzept von Dürers Freund, dem Humanisten Willibald Pirckheimer. Maximilian I. hatte von diesem neuen Triumphwagen durch den Nürnberger Probst Melchior Pfinzing erfahren und Pirckheimer in einem Schreiben vom 5. Februar 1518 aufgefordert, ihm eine Zeichnung zu senden. Diese von Albrecht Dürer ausgeführte großformatige kolorierte Federzeichnung (Inv. 15423) traf erst am 29. März ein, weshalb Pirckheimer den Kaiser um Verzeihung für die Verzögerung bat: »die menig der zugehörenden Tugenden haben vil Weil genommen, bis sie in ihre Ordnung gebracht sind. Und wo euer kais. maj. Diener Albrecht Dürer nit so großen Fleiß gethan het und die Sach selbst unter Händen genommen, wär mir die Sache noch schwerer worden« (zit. nach Ausst.-Kat. Wien 1959, Nr. 342). Die Figurenanordnung des Kaisers und seiner Familie sowie der von zwölf Pferden gezogene Wagen stimmen erneut mit der Vorgabe von Treitzsaurweins Konzept und der Triumphzugminiatur (Inv. 25244, Inv. 25245) überein, doch ist die Komposition nun um über 30 teils als Frauengestalten verbildlichte Tugenden des Kaisers bereichert.
Eine Visierung oder ein modello für den danach ausgeführten Holzschnitt ist Dürers Zeichnung jedoch im eigentlichen Sinne nicht, da der Wagen dort erneut modifiziert wurde (Inv. DG1934/577): Auf dem nun verkürzten Gefährt fehlt die kaiserliche Familie, d. h. anstelle der Betonung des Prinzips der Genealogie trat die Konzentration auf die somit »abstraktere«, zeitlose Glorifizierung des Kaisers. Maximilian I., der im Holzschnitt eine an der Reichskrone orientierte Plattenkrone trägt, ist umringt von den nun durch Beischriften erläuterten Tugenden. Sein Wagen wird von der Ratio (Vernunft) gelenkt, die Tugenden Gloria Caesaris (Ruhm), Magnificentia (Erhabenheit), Dignitas (Würde) und Honor (Ehre), deren Namen auf die Wagenräder geschrieben sind, sorgen für sein Fortkommen. Die vier Herrschertugenden Justitia (Gerechtigkeit), Fortitudo (Stärke), Prudentia (Weisheit) und Temperantia (Mäßigung) sind auf Postamenten rund um den Kaiser angeordnet und bilden mit ihren untereinander verbundenen Lorbeerkränzen, die weitere Tugenden symbolisieren, einen großen Ehrenkranz über Maximilian, den zugleich die hinter ihm stehende geflügelte Victoria mit Lorbeer krönt. Auf dem Baldachin über dem Kaiser ist »Quod in coelis sol hoc in terra Caesar est« (»Was im Himmel die Sonne, ist auf Erden der Kaiser«) zu lesen.
Der Holzschnitt sollte ursprünglich das Herzstück des Holzschnitttriumphzugs bilden, dessen Kernaussagen er in komprimierter Form wiederholt. Er erschien jedoch nie in diesem Kontext, da die Arbeiten an den Holzschnitten 1519 mit dem Tod des Kaisers ins Stocken gerieten. Dürer ergänzte den auf acht Foliobögen gedruckten Riesenholzschnitt mit dem in beweglichen Lettern gedruckten Text Pirckheimers und gab diesen auf eigene Kosten heraus, wohl in der berechtigten Hoffnung, damit die nach dem Tod des Kaisers bestehende Nachfrage nach Gedenkblättern zu bedienen. Der monumentale Triumphwagen, der 1521 im großen Rathaussaal in Nürnberg auch als Wandbild umgesetzt wurde, erfreute sich großer Beliebtheit, denn der deutschen Erstausgabe von 1522 folgte 1523 eine lateinische Ausgabe, und bis um das Jahr 1600 erschienen sechs weitere Auflagen mit deutschem oder lateinischem Text.
